Archiv der Kategorie 'Text'

Cabelmans Einbildungen

In der jungen Welt vom 4.2. wurde ein Leserbrief von Reuven Jisroel Cabelman abgedruckt, der Schimon Peres‘ Auftritt im deutschen Bundestag skandalisiert, da dieser „ausschließlich der Vertreter eines Staates, den das authentische und orthodoxe Judentum immer abgelehnt und bekämpft“ habe, sei und somit „ein anmaßender und geschmackloser Frontalangriff auf das Judentum schlechthin“ stattgefunden habe.

Cabelman betreibt das blog Der Israelit, dessen Ziel in der Abschaffung Israels aus politischen, in erster Linie aber jüdisch-orthodoxen Gründen besteht. Peres nicht unähnlich verfügt Cabelman über eine abenteuerliche Theorie davon, was Ursache der Shoah gewesen sei:

Der weltweit ausgebrochene Antisemitismus hat in der Gegenwart mittlerweile solche Ausmaße angenommen, wie wir sie nur in den Jahren unmittelbar vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges kannten. Er wird durch die zionistischen Grausamkeiten gegen die palästinensische Bevölkerung geschürt. Er wurde schon vor 80 Jahren von den Zionisten angezettelt und geschürt. Raffiniert organisierte Diffamierungskampagnen gegen die Juden Europas, mit dem Ziel dass diesen “der Boden unter den Füßen heiß werde” und sie sich in den “Judenstaat” retten sollen. Es funktionierte damals, und es funktioniert heute wieder. Derweil schauen wir dem zionistischen Treiben konsterniert zu, ja die Welt hält es für eine Pflicht und Ehre, dieses in jeder Weise zu unterstützen. Wer darin nachlässig ist, oder an ihm etwas aussetzt, wird als ‘Antisemit’ bezeichnet.

Originell ist diese Verschwörungstheorie nicht gerade, vielmehr reiht sie sich ein in die lange Reihe der Wahnvorstellungen, die den Opfern des Antisemitismus bzw. einer Gruppe unter ihnen die Schuld am Antisemitismus zuschiebt. Hinter der als Trugbild gedachten Realität wird eine wirkliche Wirklichkeit halluziniert, die weder beweis- noch widerlegbar ist. Denn wie lassen sich Hirngespinste1 schon überprüfen? Man muß schon glauben (wollen). Statt historisch überprüfbar, ideologiekritisch, einfach wissenschaftlich zu arbeiten, wird ins Geisterreich der Ideologie ausgewichen. Cabelman, dem ausgerechnet und einzig Israels Existenz nicht paßt, interessieren banale Fakten und überprüfbare Gedankengänge schließlich nicht. Daher nimmt es nicht wunder, wenn ihm Israels Staatsgründung als besonders erscheint aufgrund ihrer Gewalttätigkeit. Als wäre nicht gerade diese Gewalttätigkeit das Gewöhnlichste auf der Welt bei Staatsgründungen und beim täglichen Staatsgeschäft! Nicht umsonst beanspruchen Staaten das Gewaltmonopol in ihrem Hoheitsgebiet für sich und reagieren empfindlich bei Verstößen gegen ihre Ordnung. Natürlich bestehen in puncto Qualität und Quantität der Gewalt, die von Staaten ausgeht, auffällige Unterschiede, doch ist das kein Widerspruch zur grundsätzlich gewaltträchtigen Verfaßtheit der Staaten. An der stört sich Cabelman auch nicht, sein Problem liegt woanders. Ihm ist Israel aus religiösen Motiven2 besonders verhaßt, Bürger Israels, die diesen Staat beibehalten wollen, gelten ihm nicht einfach als Nationalisten, sondern als „sündhaft aus dem göttlich verhängten Exil ausgebrochen“. Das ziemt sich nicht für Juden, denn das „Volk Israel ist seit eh und je das Volk Gottes, und gar nichts anderes“ und sollte sowas einfach nicht machen. So kommt zu seinem falschen Antizionismus noch ein religiös unterfütterter Rassismus, der Juden von den übrigen Menschen unterscheidet. (mehr…)

Vermischtes 05.02.2010

~ Löwinger schreibt im Hotel Lux über den neuesten Hydrakopf der deutschen Sozialdemokratie und zitiert lobenswerterweise Schernikau.

~ „Kino zum Nachdenken“ (BILD): Hannelore Elsner ist sich für gar nichts zu schade und gibt also in „Zeiten ändern dich“ Bushidos Mutter. Der Sohn der letzten Kommunistin Oskar Roehler, der damals den Film drehte, in dem Hannelore Elsner Gisela Elsner spielen durfte, war wiederum bei der Premiere des von Bernd Eichinger produzierten Exemplars deutscher Antikunst anwesend. Regie führte bei dem „Filmdrama“ Uli Edel, der 2008 noch „hausbackene Action mit gewaltgeilen RAF-Rambos“ (Konkret) drehte, dessen Drehbuch von Eichinger nach Lektüre des Buches von Stefan Aust verfaßt worden war. Eichingers Schwester war mal Kommunistin, heißt es, da konnte er verständlicherweise nicht anders: „Einerseits bin ich abgestoßen davon, andererseits kann ich nicht davon lassen, weil ich es verstehen will. Insofern war die Motivation, Der Baader-Meinhof-Komplex zu verfilmen, die gleiche wie bei Der Untergang.“ Endlich sind wir nun bei Hitler angelangt, lange genug hat’s gedauert. Danke, deutsche Kulturszene, vielen Dank für alles.

~ „Selten hat eine Naturkatastrophe weltweit so viel Mitgefühl erregt wie das schwere Erdbeben von Haiti.“ Immerhin! Die FAZ bietet Photos vom Elend, damit das Mitfühlen und Mitleiden möglichst leicht gelingt.

~ SPON bringt einen informativen und ressentimentfreien Artikel über Ehrenmorde in der Türkei.

~ Bei Nestor Machno findet eine Diskussion epischen Ausmaßes über Geld, Wert, abstrakte Arbeit und alles, was dazugehört, statt.

Lenin in Japan

via.
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Who the f*** is Waibel?

Harry Waibel, ein notorischer Gernegroß („Begabten-Abitur“, „Dr. phil.“, „Diplom-Pädagoge“, „Taxifahrer in Freiburg“), der ob der ihm angemessenen Nichtbeachtung dauerhaft beleidigt ist, versucht ein weiteres Mal, Öffentlichkeit zu erlangen, diesmal im Windschatten von Clemens Heni. Um die ihm seiner Meinung nach zustehende Aufmerksamkeit zu erlangen, hetzt nun auch er gegen Wolfgang Benz, dessen eigentliches Vergehen in den Augen der „Islamkritiker“ im Entdecken von Gemeinsamkeiten bei Antisemitismus und Islamfeindschaft besteht. Bei Heni ist das auch offensichtlich, Waibel verschweigt diesen Zusammenhang gleich ganz, um die persönliche Denunziation wirkungsvoller zu gestalten. (mehr…)

Warum kapitalistische Hungerkatastrophen vorzuziehen sind

Während in Haiti der Kapitalismus ein weiteres Mal beweist, worin sein Zweck jedenfalls nicht besteht, nämlich der Versorgung Hungriger mit einer ausreichenden Menge an Nahrungsmitteln, erinnert die Zeit beflissen an den sogenannten Holodomor, der Stalin den Ruf einbrachte, ein deutlich schlimmerer Verbrecher als Hitler gewesen zu sein, denn er zeichne verantwortlich für „eine Hungersnot, die bis zu 15 Millionen Menschen tötete“. Das ist frei erfunden, denn selbst Robert Conquest, durchaus bekannt für intuitives Hervorbringen von Zahlen, kam auf höchstens 14,5 Millionen, und auch das nur, da er „die Hungertoten und die Opfer von Kollektivierung und Kulakenverfolgung“ zusammenzählte. Genauere Kritik am Artikel erübrigt sich, es handelt sich schlicht um den erfolglosen, da logisch und historisch unsauberen Versuch eines Beweises, daß Kommunismus nichts bedeuten könne denn Massenmord, und daher Kapitalismus, der zwar leider Schönheitsfehler aufweise, schlußendlich alternativlos sei.

Die Kommentarseite weiß dann noch mit einer Menge Nazis und anderer Idioten zu erfreuen, die man beim armseligen Hetzen beobachten kann. (mehr…)