Warum kapitalistische Hungerkatastrophen vorzuziehen sind

Während in Haiti der Kapitalismus ein weiteres Mal beweist, worin sein Zweck jedenfalls nicht besteht, nämlich der Versorgung Hungriger mit einer ausreichenden Menge an Nahrungsmitteln, erinnert die Zeit beflissen an den sogenannten Holodomor, der Stalin den Ruf einbrachte, ein deutlich schlimmerer Verbrecher als Hitler gewesen zu sein, denn er zeichne verantwortlich für „eine Hungersnot, die bis zu 15 Millionen Menschen tötete“. Das ist frei erfunden, denn selbst Robert Conquest, durchaus bekannt für intuitives Hervorbringen von Zahlen, kam auf höchstens 14,5 Millionen, und auch das nur, da er „die Hungertoten und die Opfer von Kollektivierung und Kulakenverfolgung“ zusammenzählte. Genauere Kritik am Artikel erübrigt sich, es handelt sich schlicht um den erfolglosen, da logisch und historisch unsauberen Versuch eines Beweises, daß Kommunismus nichts bedeuten könne denn Massenmord, und daher Kapitalismus, der zwar leider Schönheitsfehler aufweise, schlußendlich alternativlos sei.

Die Kommentarseite weiß dann noch mit einer Menge Nazis und anderer Idioten zu erfreuen, die man beim armseligen Hetzen beobachten kann.

Damit der Eintrag mehr darstellt als reines preaching to the converted, folgen hier noch ein paar Argumente zur Sache:

Die sowjetischen Revolutionäre halten von Anfang an wenig von der traditionellen Landwirtschaft, den kleinen Bauernhöfen. Sie wollen das rückständige Russland industrialisieren, und das Kapital dafür muss von den Bauern kommen.

Man darf sich fragen, warum man von traditioneller Landwirtschaft überhaupt etwas halten sollte. Die genossenschaftliche Organisation der Landwirtschaft ohne Ausbeutung und Großgrundbesitzer, die Abkehr von rückständigster Ackerbestellung ist damals wie heute eine vernünftige Angelegenheit. Streiten kann man sich bloß über die Art und Weise, wie das in der Sowjetunion vonstatten ging. Die Zeit dagegen ergeht sich in der Schilderung der Kollektivierung als verbrecherische „Terrorkampagne“ (bekanntlich ist bürgerliches Eigentumsrecht universell gültig), um zu illustrieren, daß Enteignung und Vergesellschaftung von Grundbesitz und Produktionsmitteln zu nichts anderem führen kann als zu „Stalins Jahrhundertverbrechen“.

Ukrainische Geschichtswissenschaftler gehen davon aus, dass Moskau die Hungersnot, die hier Holodomor (ukrainisch Holo, Hunger; mor, Vertilgung) genannt wird, absichtlich herbeiführt, um die Macht der Zentralregierung durchzusetzen. Auch in Kasachstan und einigen Regionen des Kaukasus, in denen sich Widerstand gegen die Zwangskollektivierung regt, verschlimmert Moskau offenbar gezielt die Folgen der Enteignung.

Abgesehen davon, daß man den Historikern anscheinend ungeprüft glauben soll, was sie so erzählen, ist die Botschaft schon interessant: Wer enteignet, muß ein böswilliger Kerl sein, der Menschen aus Spaß an der Freude verhungern läßt. Anders ist den Freunden des Privateigentums Enteignung auch gar nicht vorstellbar. Diese ist nämlich, ob von bösen Moskauern forciert oder nicht, aufgrund behaupteter schlimmer Folgen in jedem Fall abzulehnen. Die Wirkung des Privateigentums, die nicht zuletzt im Tod von ca. 100.000 Menschen pro Tag aufgrund von Nahrungsmangel besteht, ist dem Bürger dagegen grundsätzlich segensreich.

Wenn nun ein solcher Artikel, dessen intendierte Wirkung darin besteht, dem Leser einzupauken, daß jeder Versuch einer sozialistischen Einrichtung der Wirtschaft massenhaften Hunger und Tod hervorbringen muß, ungeachtet des realen, alltäglichen Elends veröffentlicht wird, während gerade in einem Land wie Haiti die dank Kreditwirtschaft bereits furchtbare Lage noch weiter verschärft wurde, dann ist das zynischste Propaganda für eine menschenfeindliche Wirtschaftsweise, die im Gewand der gutmenschlichen Betroffenheit daherkommt.


7 Antworten auf “Warum kapitalistische Hungerkatastrophen vorzuziehen sind”


  1. 1 kabumm 02. Februar 2010 um 17:33 Uhr

    Wo jetzt der unterschied zwischen 14,5 und 15 mio ermordeten liegt, weiß ich nicht.
    kommunismus jedoch mit stalinismus gleich zu setzen halte ich auch für verkehrt. jedoch sind wir uns doch hoffentlich alle klar, dass es so wie in russland nicht funkrtionieren kann. staatliche kontrollierte marktwirtschaft ist da auch nicht lösung.
    und warum immer bei irgendwelchen krisen aufschreien, wenn doch der kapitalistische alltag schon genug grund zum motzen gibt.

  2. 2 Neoprene 02. Februar 2010 um 17:42 Uhr

    Angesichts eines mittlerweile ja so gut wie unangefochtenen Weltsystems, bei dem jeden Tag 100.000 Hungertote zu verzeichnen wären, ist es in der Tat kein Muß, zur Kritik auf die Behandlung der Katastrophe in Haiti zu greifen. Aber man kann natürlich auch und gerade bei sowas zeigen, was der Sinn des Kapitalismus ist, und das der auch auf Haiti nicht darin besteht, denen auch nur dauerhaft die nötigsten Grundbedürfnisse zu befriedigen.

  3. 3 crull 02. Februar 2010 um 17:50 Uhr

    @ kabumm & Neoprene: Während ihr hier kommentiert habt, habe ich den Eintrag erweitert, da er mir selbst bereits als zu mangelhaft erschienen war. Den Verweis auf Haitis aktuelle Situation habe ich mir erlaubt, da es m.E. kein Zufall ist, wenn in der Zeit ein derartiger Artikel erscheint, während die Medien gerade permanent über das Elend in Haiti berichten. Da soll dem Ziehen unerwünschter Schlüsse vorgebeugt werden.

    @ kabumm: Der Unterschied zw. 14,5 und 15 Millionen wäre nicht weltbewegend. Wichtiger war mir auch der Hinweis auf die Entstehung der Zahlen bei Conquest.

  4. 4 bigmouth 03. Februar 2010 um 11:59 Uhr

    na ja, motive unterstellen halte ich für selten glücklich. deine these, dass kollektivierung allgemein veurteilt werden soll, sehe ich durch nix im artikel begründet

    Man darf sich fragen, warum man von traditioneller Landwirtschaft überhaupt etwas halten sollte. Die genossenschaftliche Organisation der Landwirtschaft ohne Ausbeutung und Großgrundbesitzer, die Abkehr von rückständigster Ackerbestellung ist damals wie heute eine vernünftige Angelegenheit.

    afaik (hab ich bei Hobsbawm gelesen) war die kollektivierte sowjetische landwirtschaft aber überraschend wenig leistungsfähig im Vergleich etwa zu Ungarn, dh die SU-Variante hat nicht mal wirklich gut funktioniert

    und geht’s jetzt um Kulaken, oder um Großgrundbesitz?

  5. 5 crull 03. Februar 2010 um 12:41 Uhr

    Was meinst du denn, bigm0uth, wieso der hundertste Artikel über den Holodomor erscheint? Weil die Zeit an einer besseren Umsetzung des Sozialismus interessiert ist? Oder doch eher, um jedem, der es noch nicht weiß, einzubläuen, daß Kommunisten Massenmörder sind?

    Wer zudem Conquests Zahlen benutzt, die niemand außer fanatischen Antikommunisten ernst nimmt, wer außerdem Lew Kopolews Wandel als Lehrstück verwendet, das den Übergang vom jungen, naiven Kommunisten zum gereiften, lebensklugen Freund des Kapitalismus („Jetzt glaubt er nicht mehr.“) als vorbildhaft schildert, falls junge Leute mal vom roten Virus infiziert sein sollten, ja was will der denn sonst, außer den Kommunismus für immer und ewig verdammen? Die Leser der Zeit, die sich in der Kommentarspalte tummeln, haben jedenfalls genau verstanden, was ihnen gesagt wurde.

    Über die (In-)Effektivität der sowjetischen Landwirtschaft sollte hier nichts gesagt sein, das ist ein zu umfangreiches, anderes Thema.

    Und den Großgrundbesitz habe ich erwähnt, da der im Zuge der Kollektivierung natürlich genauso wie privater Kleingrundbesitz vergesellschaftet wird.

  6. 6 bigmouth 03. Februar 2010 um 14:53 Uhr

    in der zeit erscheinen aber auch genau so artikel über antisemitismus im wilhelminischen kaiserreich, den vietnamkrieg, den genozid in ruanda usw. unterstellst du daauch immer ein ideologisches interesse? oder nur bei deinem steckenpferd?

  7. 7 crull 03. Februar 2010 um 21:44 Uhr

    Kommt auf die Artikel an.

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