Frankfurter Allgemeiner Sozialismus I

Als Rainer Hank am 21. Dezember 2009 in der FAZ unerwartet einige gute Seiten am Sozialismus entdeckt haben wollte, löste er damit die übliche Wut und Empörung bei seinen Lesern aus, die man immer dann erleben darf, wenn einer ausnahmsweise mal nicht offenherzig das wirtschaftliche System feiert, das für das tägliche Verhungern zehntausender verantwortlich ist. Doch was hat Hank eigentlich gemacht? Dietmar Koschmieder glaubt, es handele sich um einen Aufruf „zum Nachdenken über einen neuen Sozialismus“, weil „die klugen Bürgerlichen am Ende ihres Lateins sind und wenigstens ahnen, daß die bestehenden kapitalistischen Verhältnisse auf Dauer nicht haltbar sind“. Da irrt er sich gewaltig.
Am 3. Januar stellte Hank klar, was Sache ist, und was man hätte wissen können, wenn man den ersten Artikel ohne Schaum vorm Mund bzw. im Hirn gelesen hätte. Das Ganze hatte nichts als ein provokatorischer „Anstoß einer dem guten Argument verpflichteten Debatte, aber in keiner Weise als auch nur leise Rechtfertigung der Verbrechen aller früheren real existierenden Sozialismen und Planwirtschaften“ sein sollen. Denn von Anfang an hatte Hank deutlich gemacht, daß das, was er unbedingt Sozialismus nennen wollte, mit Sozialismus rein gar nichts zu tun hat.
Ausgehend von einem albernen, hier nicht berücksichtigten Gedankenexperiment, landet Hank bei seinem ersten Punkt:

1. Das sozialistische Prinzip

Es ist nicht in Ordnung, dass jemand aus armen Verhältnissen es viel schwerer hat, reich, gebildet und glücklich zu werden. Dafür kann er nämlich nichts. Deshalb braucht es gleiche Chancen für alle, damit die zufälligen Unterschiede von Herkunft, Schicht oder Einkommen eingeebnet werden. Dabei gibt es unterschiedliche Härtegrade. Die „bürgerliche Chancengleichheit“ befreit von Statusschranken. Wir verbieten Sklavenarbeit und die öffentlich-rechtliche (inzwischen häufig auch privatrechtliche) Bevorzugung oder Benachteiligung von Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe.

Das ist schon der erste Brüller. Am Hunger ist nicht der staatlich garantierte Mangel schuld, sondern es fehlen bloß Chancen. Daß man Chancen nicht essen kann, nicht in ihnen wohnen kann und sich nicht mit ihnen kleiden kann, weiß eigentlich jeder. Doch die Fans bürgerlicher Scheißideologien vergessen das regelmäßig, während sie mächtig intellektuell ihre Propagandablätter vollschreiben.

Die „linksliberale Chancengleichheit“ geht einen Schritt weiter. Sie will für die soziale Ungleichheit entschädigen: Schon früh sollen etwa Kinder aus der Unterschicht besonders betreut werden. Letztlich geht es darum, dass das Schicksal der Menschen nur von ihren angeborenen Talenten und ihrer freien Entscheidung, nicht aber vom sozialen Background abhängt.

Sehr witzig. Weiterhin redet Hank von nichts Materiellem, nur von seiner Chancengleichheit, die, tatsächlich, von den einen ernster genommen wird als von den anderen. Beides läuft natürlich auf das gleiche hinaus, deshalb kann Hank seinen nächsten Punkt machen, ohne mal wirklich seine prächtige Ökonomie in Frage stellen zu müssen:

Die „sozialistische Chancengleichheit“ ist radikaler. Sie will zusätzlich alle angeborenen Talente einebnen. Was kann einer schon für seine Gene? Was kann er dafür, weniger schlau zu sein als sein Kollege, der für seine Begabung aber ein höheres Gehalt einstreicht? Die sozialistische Chancengleichheit gleicht all diese Nachteile aus.

Mehr wird hier nicht gesagt, als daß Hank ein biologistischer Mistkerl ist, der Dummheit für einen Hirnschaden hält. Hier sollte übrigens nicht gedacht werden, so etwas wie „sozialistische Chancengleichheit“ (was es nicht gibt) sei hier Thema. Nein, hier geht es um eine Hanksche Utopie, die, wie oben erwähnt, mehr so provokatorisch als sinnerfüllt ist.

Doch Vorsicht: Die „sozialistische Gleichheit“ ist keine Gleichmacherei. Die Menschen können mehr Stunden arbeiten und mehr verdienen oder mehr Freizeit machen und auf Geld verzichten. Das führt zu Ungleichheiten, welche selbst gewählt sind. Mehr noch: Sie können auch wetten oder spekulieren, und der eine hat Glück, der andere Pech. Auch das toleriert dieser aufgeklärte Sozialismus. Denn er ist kein fürsorglicher Paternalismus, der den Menschen vorschreibt, was sie tun sollen.

Dieser „aufgeklärte Sozialismus“ ist nämlich der Kapitalismus in Hanks Utopie.

Allzu viel Ungleichheit allerdings, selbst wenn sie nicht auf Privilegien beruht, stört die Gemeinschaft. Denn Gemeinschaft bedeutet, dass Menschen Anteil nehmen aneinander, dass sie füreinander sorgen – und zwar aus „echtem“ Interesse und nicht aus opportunistischen Erwägungen. In einer Gemeinschaft kann man einfach nicht gut zusammenleben, wenn der Nachbar zehnmal so viel hat. Mit anderen Worten: Der Sozialismus wird die Folgen günstiger persönlicher Entscheidungen und Umstände umverteilen (ohne sie ganz einzuebnen), um die Gesellschaft beieinanderzuhalten. Er muss mit Rücksicht auf das Gemeinschaftsideal Ungleichheiten verbieten, die er vom Standpunkt der Chancengleichheit her zugelassen hätte.

Ohne utopistisches Quitschiquatschi: Aufgabe eines idealen Staates wäre es, der Moral der braven Bürger so weit entgegenzukommen, daß zu enorme Unterschiede im Eigentum nicht den Volkszorn heraufbeschwören, denn Gemeinschaft ist halt wichtig. Man liest das täglich in der Bild.

Warum ist der Sozialismus einer sozialen Marktwirtschaft überlegen, die ja auch auf Umverteilung setzt? Die Antwort ist einfach: In einer sozialistischen Gemeinschaft nehmen die Menschen um des anderen willen aneinander Anteil. Im Kapitalismus sind die Menschen auch aufeinander bezogen, aber nur, weil sie sich vom Austausch einen Vorteil für sich selbst und ihre eigenen Interessen versprechen. Die Marktwirtschaft nutzt die natürlichen Triebe der Gier und Angst. Das bringt den Wohlstandsprozess in Gang. Der Markt zwingt die Menschen, einander zu Diensten zu sein: Kundenfreundlichkeit ist egoistisch motiviert, selbst die Mitgliedschaft in einer Versicherung auf Gegenseitigkeit ist es.

Oder anders: Kapitalismus mit lauter herzensguten Moralspinnern ist einem Kapitalismus, in dem Menschen um die gesellschaftlichen Gegensätze und die Konkurrenz aller gegen alle wissen und dementsprechend handeln, überlegen, weil er netter aussieht.

Eine Wirtschaftsordnung soll gut sein, die die Gier befeuert und die Angst braucht? Wie das Christentum weiß der Sozialismus, dass man die Triebe zähmen muss und darauf kein Wirtschaftssystem bauen sollte.

Hank meint: Ich bin ein guter Christ und ihr solltet das auch sein.

2. Ist der Sozialismus wünschenswert?

Ja, lautet die Antwort. Warum sollte das Prinzip Zeltlager – beruhend auf Chancengleichheit und Gemeinschaft – nicht als Ideal einer Weltwirtschaftsordnung taugen? Wer das bestreitet, muss Privilegien rechtfertigen, die sich aus angeborenen Talenten und sozialen Vorteilen ergeben. Solche Ungleichheiten, die mit eigener Leistung nichts zu tun haben, verfallen vor dem scharfen Urteil der Gerechtigkeit.

Hier kommt eigentlich nichts Neues, es wird nur klar gesagt, was Hank sich wünscht. Sein Kapitalismus soll denen, die was leisten, wieder nützen. Sein Gerede von Chancengleichheit und Gemeinschaft meint nichts anderes als das, was liberalen Ideologen sonst so vorschwebt.

In einer Marktwirtschaft ist den Leuten das Schicksal des Bauern einerlei, von dem das Mehl ihres Brotes stammt. Im Sozialismus kümmern sie sich umeinander. Doch ist es nicht eine überfordernde Zumutung, dass alle Menschen Brüder sein sollen, selbstlos aneinander Anteil nehmend? Das freilich hat gar niemand verlangt. Es reicht schon aus, jedermann, mit dem ich eine (Tausch-)Beziehung eingehe, so zu behandeln, wie es sich einem Freund gegenüber gehört.

Fair soll’s halt zugehen, Betrüger mag der Hank nicht so gern, weil sie den reibungslosen Verlauf der Geschäfte stören.

Im letzten Punkt („3. Ist der Sozialismus machbar?“) geht es dann natürlich nicht um Revolution und die Einrichtung einer möglichst effektiven Planwirtschaft, sondern um das genaue Gegenteil:

Mit Planwirtschaft hat unser aufgeklärter Sozialismus nichts zu tun. Dass die gescheiterten sozialistischen Experimente dies anders handhabten, ist Grund genug, es künftig anders zu gestalten. Denn Planwirtschaft brachte den Menschen Armut und Unfreiheit. Das ist weder ökonomisch noch moralisch in Ordnung und entspricht ganz und gar nicht dem Ziel einer auf Chancengleichheit basierenden Gemeinschaft.

Besser und vor allem moralisch zwingend ist es, den Kapitalismus als Gegengift zum Kapitalismus zu verabreichen und, damit das nicht zu durchschaubar ist, den neuen, alten Kapitalismus einen Sozialismus zu nennen, aber zur Sicherheit nur, um zu empören. Denn in allerletzter Wahrheit gibt es längst eine echte sozialistische Bedrohung, die darin besteht, „dass ein (über)reifer Wohlfahrtsstaat wie der unsere, der seinen Bürgern aus Gleichheits- und Gerechtigkeitsgründen über Steuern und Abgaben zwangsweise mehr als die Hälfte ihres Einkommens – also ihres Eigentums – nimmt, längst mehr ist als eine milde Form des Sozialismus“…


2 Antworten auf “Frankfurter Allgemeiner Sozialismus I”


  1. 1 [Name wg. Navigation von mir eingesetzt; Crull] 09. Januar 2010 um 17:50 Uhr

    Bemerkenswert auch, was so ein kritischer Bürger, wenn schon, und mit der Erkenntnis, dass sich die Leute hier als Eigentümer mit gegensätzlichen Interessen aufeinander beziehen, gerade für das Schlimme am Kapitalismus hält: Gier und Angst.
    Ansonsten: Wenn du dich schon mit so nem Blödmann auseinandersetzt, warum nicht bei ihm?

  2. 2 crull 09. Januar 2010 um 21:21 Uhr

    Gier und Angst taugen nach seiner Meinung halt einfach nichts, weil das so schrecklich unzivilisatorisch und tierisch ist. Einem intellektuellen Moralisten wie dem traue ich sogar zu, daß der Hunger für einen Verstoß gegen die Etikette hält, nicht für einen Schaden, den Menschen erleiden.
    Und du meinst jetzt wahrscheinlich, wieso ich meine Kritik nicht als Kommentar auf der Seite der FAZ hinterlassen habe? Lies einfach mal die dort geposteten Ansichten. Dort zu Argumentieren wäre etwa so, wie Hyänen von den Vorteilen vegetarischer Kost zu erzählen.
    Ansonsten wäre es schon ganz gut, wenn du einen Namen angeben würdest, denn dein Kommentar habe ich nur zufällig im Spamfilter entdeckt.

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