Frankfurter Allgemeiner Sozialismus II

Auch nach dem verdienten Untergang des realen Sozialismus bleibt die sozialistische Idee so irritierend wie faszinierend. Gleiche Chancen für alle – wer wäre dagegen? Den anderen, mit dem ich im wirtschaftlichen Tausch stehe, nie nur als Mittel, sondern immer als Endzweck zu behandeln – wer will dieser Idee ihre Verführungskraft absprechen?

Niemand. Achso, doch, ja diese Kommunisten halt schon, aber die stören bei einer ordentlichen Sozialismusdebatte ja auch nur. Besser, man läßt da einen echten deutschen Akademiker was daherschwätzen:

„Der Sozialismus ist gar nicht so übel“, setzt hier einen befreienden Kontrapunkt. Es geht um die Frage, ob es nicht eigentlich viel attraktiver wäre, in einer ganz anders geordneten Gesellschaft zu leben: die Organisation der sozialen Beziehung einer Gemeinschaft von Campern als Vorbild für die Organisation der Gesellschaft. Um sich von dieser Metapher angezogen zu fühlen, muss man kein Freund von Campingurlauben sein.

Man muß nur ein Freund von feuilletonistischem Blabla und überzeugt von der grundsätzlichen Richtigkeit der bestehenden Ordnung sein, damit man Ausbeutung, Hunger, Krieg und ähnliche Sachen, die einen hochrangigen Soziologen anscheinend nicht betreffen, ignorieren kann, um sich bekloppten Gedankenmätzchen zu widmen, die von der möglichen Attraktivität einer Campergesellschaft handeln.

Das Plädoyer für Sozialismus kontrastiert mit der Metapher des Campingplatzes eine durch immer ausgeprägtere soziale Ungleichheit charakterisierte und sich zunehmend entsolidarisierende Gesellschaft mit einem radikalen Gegenmodell. Kaum jemand würde die Wünschbarkeit dieses Modells für die Urlaubsgemeinschaft in Zweifel ziehen.

Es sei denn, man ist ausnahmsweise nicht verrückt. Jedenfalls wird hier deutlich gemacht, was die Blödeldiskussion überhaupt soll: Die Herrschaften befürchten, daß ihnen ihre wunderbare freie Marktwirtschaft vor die Hunde geht, weil der Pöbel, der sein Leben als Hundmensch bislang zu fristen gewillt war, mittlerweile eventuell revoltieren könnte. Da ist es besser, ihm zu erklären, was Sozialismus eigentlich bedeutet, bevor er sich das selbst überlegt: Weiter wie bisher.

Das Modell der Gerechtigkeit ist mir zu stark an Ergebnisgleichheit orientiert. Zwar lässt die geforderte radikale Umsetzung des Prinzips der Chancengleichheit durchaus soziale Ungleichheit zu. Doch das Gemeinschaftsprinzip als zweites normatives Prinzip verlangt die Korrektur von Ungleichheiten, die durch das unterschiedliche Glück und Fehlentscheidungen der Akteure entstehen. Ist Ergebnisungleichheit aber wirklich ein Problem? Können die Reichen nicht so reich sein, wie sie es sind, wenn nur sichergestellt ist, dass tatsächlich gleiche Chancen bestehen, den Armen durch Umverteilung ein menschenwürdiges Dasein möglich ist und alle Menschen die Voraussetzungen zur Realisierung ihrer „Befähigungen“ (Amartya Sen) vorfinden?

Schon witzig: Wenn Reiche alles haben und Arme gerade ausreichend, um nicht tot umzufallen, dann ist das gerecht. Jedenfalls gerecht genug, um soziologische Bedenken zu zerstreuen, es könne irgendwas mit den normativen Prinzipien und ähnlichem Kokolores im Argen liegen.

Das Prinzip gemeinschaftlicher Gegenseitigkeit ist normativ noch aus einem zweiten Grund nicht überzeugend. Es ist spezifisch antimodern, versteht man unter Modernität eine funktional differenzierte Gesellschaftsordnung, die erst Individualisierung erlaubt. Das Modell „gemeinschaftlichen Lebens“ hingegen entspringt den romantischen frühsozialistischen Utopien „versöhnter“ sozialer Ordnung. Zerrissen wird diese Utopie nicht nur durch Reichtumsunterschiede, sondern durch unterschiedliche Lebenserfahrungen aufgrund der Ausdifferenzierung von „sozialen Kreisen“ (Georg Simmel) – eine Individualisierung von Lebensentwürfen, die wohl kaum jemand missen wollte. Moderne soziale Ordnung ist Gesellschaft, nicht Gemeinschaft.

Wenn Leute dumm und arm sind, dann ist das Begründung genug, ihre Lage so zu belassen, weil sie gar nicht zu leben wissen wie die Gebildeten und Reichen und individuelles Elend braucht es eben für eine ausdifferenzierte Klassengesellschaft, kann man nichts machen. Und überhaupt: Moderne! Wer wagt da noch zu widersprechen und glatt von Produktionsverhältnissen zu reden?

Doch noch so gut gemeinte Prinzipien der sozialen Organisation müssen ihre Tauglichkeit unter Beweis stellen – nicht auf dem Campingplatz, sondern in der Organisation hochkomplexer, arbeitsteiliger Gesellschaften. Und hier sind es die den Sozialwissenschaftlern gut bekannten Dilemmata des sozialen Handelns, die uns erklären können, weshalb das Gewünschte nicht auch das Verwirklichte ist und vielleicht auch gar nicht sein kann. Für alle Tätigkeiten den gleichen Stundenlohn zu zahlen würde die Gemeinschaft möglicherweise stärken, zugleich jedoch zu einer Arbeitsproduktivität führen, die schon einmal die Ökonomien Osteuropas ruiniert hat.

Ganz schön hochkomplex: Wenn höhere Löhne gezahlt werden müssen, sinken die Gewinne und das ein oder andere Unternehmen geht dank Konkurrenz hops. Das ist einem Geistesmenschen natürlich kein Argument gegen Geldwirtschaft und kapitalistischen Wettbewerb, sondern eins für die Fortführung der alten Scheiße inklusive Milliarden ruinierter Menschen, die, ihr Pech, keine schönen Gehaltschecks für die Absonderung von menschenfeindlichem Stuß erhalten.

Was also bleibt? Das Befreiende des Nachdenkens über Alternativen gesellschaftlicher Organisation. Und die Aufforderung zur Umsetzung des Prinzips der Chancengleichheit. Dies ist nicht in erster Linie eine sozialistische Utopie, sondern die wohl bedeutendste normative Herausforderung einer sich als liberal verstehenden Gesellschaftsordnung

Wie schon gesagt: Was bleiben soll, ist der Kapitalismus. Was bleiben wird, ist der Vernunft nach was ganz anderes.