Ronald M. Schernikau: Mitleid

Was ist eigentlich Mitleid? Mitleid ist, wenn es jemand anders schlechter geht als mir. Dann habe ich Mitleid.
Stimmt das? Also gut. Jemand anders geht es schlechter als mir. Wer sagt das? Gucken Sie mal mit Ihren Hundeaugen einen jungen Arbeiter an und fragen Sie ihn, wie es ihm geht. Es geht ihm nicht schlecht. Wenn er glauben würde, es ginge ihm schlecht, hätte er sich ja umgebracht. Aber es geht ihm doch schlechter als, sagen wir, einem Studenten (ich). Er kann nicht am Montag morgen bis zehn Uhr schlafen. Kann er nicht. Geht nicht. Also.
Nun hat er sich ja aber noch nicht umgebracht, jedenfalls einige. Vielleicht geht es ihm nur ein bißchen schlecht? So morgens fünf vor zehn und zehn, wenn er an den Studenten denkt, der gerade aufwacht? Oder ist es mehr so eine strukturelle Schlechtigkeit, die sich mal so und mal so zeigt? Es wird so sein. Bloß: Warum hat er sich noch nicht umgebracht? Unserem Mitleid nach zu urteilen, hätte er allen Grund dazu.
Das ist es. Mitleid glaubt, die Welt sei öde und leer, bloß nicht bei mir selber. Im Mitleid ist immer auch ein bißchen Freude über das eigene Verschontsein. Wer dem anderen unterstellt, es ginge ihm dermaßen schlecht, daß die Welt um ihn rum nur noch Hundeaugen machen könne, soll sich dann doch umbringen, stellvertretend. Es ist nämlich anders.
Angenommen, es ließe sich messen, wem es mehr schlecht geht und wem weniger; auf den Krüppel und die Sahel-Zone können wir uns einigen (seien Sie jetzt mal einen Augenblick ruhig, ich bin nämlich schwul und kenne Mitleid). Wenn es also jemandem schlechter geht als einem andern und wir kurz vergessen, daß es dem andern woanders vielleicht dafür schlechter geht, als dem ersten; alle theologischen und statistischen Implikationen beiseite – glauben Sie wirklich, Sie ändern was mit Ihrem Hundeblick?
Wenn Sie einem Leprakranken kurz und aufrichtig die Hand drücken, fällt sie ihm ab. Wenn Sie einem Neger sagen, daß Sie ihn gut verstehen, haut er Ihnen eins in die Fresse. Hierzulande ist das ja alles ein bißchen vornehmer; aber Mitleid jedenfalls ist nur Mitleid. Ihr Schauder auf dem Rücken mag ja für Sie ganz lustig sein, und natürlich ist es besser, einen Tropfen auf einen heißen Stein zu tun, als gar nichts. Aber Sie wissen ja: Diese Besser-als-Sätze sagen nichts. Solange Sie nicht wirklich helfen, solange Sie nicht endlich was tun und solange Sie nicht endlich was für sich tun; solange ist alles sehr nett und menschlich anrührend und so gut gemeint; solange ist es ein Dreck.
Wenn Sie nämlich aufhören Mitleid zu haben, müssen Sie sich überlegen, wo Sie anfangen. Mit Mitleid hupfen Sie mal hier rum und mal da. Mit Mitleid gibt es nämlich viel zu tun. Mit Mitleid ist es nämlich nicht möglich, zu einem Ende zu kommen, also zu einem Anfang. Mitleid macht einzeln. Mitleid macht glücklich. Mitleid entschuldigt alles. Weil es so viel zu tun gibt, kann ich es leider gar nicht schaffen, Pech. Man kann also gar nichts tun, schade.
Jedes Mitleid ist eine Form von Selbstmitleid. Selbstmitleid geschieht, wo jemand nicht handelt. Wo jemand nicht handelt, steht er im Weg. Und Sie, ja Sie da, Sie werden gefälligst nicht im Weg stehn.

aus:
Ronald M. Schernikau: Königin im Dreck. Verbrecher Verlag 2009.


1 Antwort auf “Ronald M. Schernikau: Mitleid”


  1. 1 lyzis welt 12. November 2009 um 20:37 Uhr

    Wichst weiter!

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