Archiv für August 2008

Vergeßt Kostedde nicht!

Ich möchte nie mehr arbeiten, sondern nur noch am Tresen stehen und saufen.

erwin

Beim Kommunisten brennt noch Licht. Nachtgedanken 1.

Lenins Frage

Was tun? Die Frage ist alt, alle praktischen Antworten führten nicht zum gewünschten Ergebnis, wie die „Geschichte“ zeigt. „Geschichte“, das ist nichts als die mal mehr, mal noch mehr brutale Niederschlagung der Bemühungen, die Möglichkeiten des guten Lebens zu Realität zu machen. Anders: „Geschichte“ ist der Sieg jener Klassenkämpfer über diese Klassenkämpfer, die keinen Klassenkampf mehr zu ertragen bereit waren. Wieder anders: „Geschichte“ ist Antikommunismus in schlechter Theorie und noch schlechterer Praxis. Zurück zur Frage, was zu tun ist. Die Antwort ist einfach. „Geschichte“ ist zu beenden, damit die Geschichte der freien Menschen, was übrigens nichts anderes bedeutet als vernünftig geplantes Leben vernünftiger Menschen, endlich beginnen kann. Das ginge wie folgt. Die Produktionsmittel, welche nutzbar sein könnten, um jeden Mangel zu beseitigen, müssten der ausschließenden Verfügungsgewalt der Kapitalisten entrissen werden, so daß produziert werden könnte, was man (also jeder) eben so braucht oder einfach nur gerne hätte. Damit das nicht geschieht, gibt es Staaten mit Gewehren, Giftgas, Atombomben und vielem mehr, das nicht anders als schlecht destruktiv verwendbar ist, soll heißen schädlich für die, die eh schon beschissen leben. Daß nun gerade die diese Gewaltmittel im Staatsauftrag benutzen, um ihresgleichen zu drangsalieren, regulieren, liquidieren, darf man gerne Ironie der „Geschichte“ nennen. Also müssen die Staaten weg – alle, auch Israel; wer das Gegenteil behauptet, ist Antisemit. Wie sollte man jemanden sonst schelten, der Juden ewiger Ausbeutung für und durch Staat und Kapital ausgesetzt sehen will, um seinen „Judenknacks“ zu befriedigen? Noch einmal, was tun? Staat und Kapital aus der Welt fegen.

Was jetzt tun?

Da entsteht das nächste Problem. Wenn man weiß, was getan werden müsste, passiert es dadurch noch lange nicht. Die Arbeiter, Soldaten, Bauern, Obdachlosen, Geisteskranken, Perversen, die die Macht hätten, das Bestehende zu Vergangenem zu machen, haben dazu leider keine Lust und müssen erst agitiert werden. Die notwendige Überzeugungsarbeit führt in aller Regel zu Ablehnung, Aggression, blankem Hass und Gewalt. Kein Wunder, wenn diejenigen, die es ernst meinen mit dem Sozialismus, zwar keine Salon-, dafür Bruchbudenkommunisten werden, um zu allen Übeln nicht auch noch von ihren Klassenschwestern die Fresse poliert zu kriegen. Insofern ist die lästige Herumpsychologisiererei beinahe verständlich: Irgendwie versucht der gescheiterte Revolutionär sich sein Scheitern zu erklären, da er von seinen Argumenten ganz zu recht nicht lassen will. Komischerweise tut er das dann mittelfristig doch und widmet sich neben der Psychologie noch anderen bürgerlichen, affirmativen Scheißgedanken. Es gibt einfach keine befriedigende Antwort darauf, wie die Zeit bis zur Diktatur des Proletariats zu verbringen wäre, denn „es gibt kein richtiges Leben im Falschen“. Könnte man dem ganzen Leid ausweichen, wäre die Revolution verzichtbar. Da dem nicht so ist, bleibt sie notwendig.

Nebenwidersprüche

Es gibt keine Nebenwidersprüche, keine Fußnoten. Rassismus, Sexismus, Homophobie, … sind weder vermeidbar noch eigentlich bloß ärgerliche Folgen, unwichtig, ablenkend. Es handelt sich um notwendige Bestandteile der kapitalistischen Gesellschafts“ordnung“. Totalitär waren weder die nationalsozialistische Barbarei=Zivilisation noch der sovyetische Realsoz. Totalitär ist der Kapitalismus in all seinen Erscheinungsformen, da er mittlerweile und erfolgreich alle Notausgänge verschlossen hat. Das Ganze ist unwahr, da es der Vernunft widerspricht, die die mögliche Wirklichkeit erkannt hat, welche sich von der realen Wirklichkeit ums ganze unterscheidet.

Volk

Volk bedeutet allgemein gesprochen jeweils alle einem Staat Zugehörigen, ergo die Unterworfenen und die Unterwerfenden. Kennzeichen des Dazugehörens ist der Ausweis. Diverse Rassisten sehen das gerne mal anders, was allerdings keine Abweichung darstellt, sondern zur Staatsvolkkrux gehört wie zu Essen von der Kaufhalle der regelmäßige Dünnschiss. Herrschaft des Volkes bedeutet hierzulande repräsentativer Parlamentarismus ist gleich vermittelte Herrschaft des Kapitals durch den ideellen Gesamtkapitalisten mitsamt seinen Eigeninteressen. Demokratie könnte jedoch auch bedeuten: Planmäßige Organisation der Produktion derer, die die Produkte benötigen und heute von jedem Reichtum abgeschnitten sind. Auf dem Weg zu solch einer Gesellschaft stürbe der Staat ab, da niemand ihn benötigte – abgesehen von all den Kapitalisten und Staatsverkörperungen, die eine Heimat in nordpolianischen Gulags oder vor Mauern der Liebe gefunden hätten, wenn die Vernunft ein Ziel für sie sein sollte, zu dem sie partout nicht kommen wollten. Volk hieße dann Gemeinschaft all derer, die von Nation, Grenzen, Rassen, Geschlechtern, usw. Nichts wissen wollen, eben weil sie es besser wissen. Die Neudefinition von Demokratie und Volk kann man sich aber getrost schenken und stattdessen all das negieren, was das Leben aller Überflüssigen (also genaugenommen wirklich aller) beschädigt. Ultima ratio negatio est.

Südossetien

Sollte es entgegen jeder Religionskritik doch ein Jenseits geben, seien Gorbatschow 1400 und mehr Nasenbrüche gegönnt.

Vernunft und Emotion

„Sei nicht so emotional“, „rational wie eine Maschine“, „werd‘ doch endlich vernünftig“, „eiskalter Verstand“. Die reakionäre Trennung ist aufzuheben. Wer nicht richtig denkt, wird auch nicht richtig hassen. Wer nicht das Falsche hasst, wird niemals klar denken. Die erzeugte Differenz zwischen fühlen und denken bleibt dennoch erfahrbar bis zu ihrer revolutionären Aufhebung.

Natur

Adorno und andere Kritische Theoretiker träumten von einer Aussöhnung der Menschen mit der Natur. Dieser Wunsch ist zutiefst verdächtig. Natur ist, das steht fest, die absolute Grenze alles Menschenmöglichen. Wo genau diese Grenze verläuft, hängt ab vom Stand der Produktionsmittel, dem angehäuften Wissen. Mit einer Natur, die verantwortlich ist für den unausweichlichen Tod eines Jeden, wann immer dieser auch eintreten mag, sich versöhnen zu wollen, ist nichts anderes als seinem Henker das Einverständnis zur Hinrichtung auszudrücken. Allein, die Natur wird nicht einmal hinhören.

Time, you bloody bastard

Über die Zeit besteht ein furchtbares Mißverständnis. Die Maßeinheiten, in denen der Zeitverlauf gemessen wird, gelten als die Zeit selbst, wo sie doch nichts anderes sind als ein konstruiertes Instrument, das die moderne Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft erst ermöglicht hat. In früheren Zeiten wurde Zeit nicht ganz abstrakt in z.B. Immergleichen Stunden gemessen, sondern beschrieben mit Vorgängen, die stets verschieden lang dauerten. „How long will it take?“ „Just a piss.“ Zeit muß den individuellen Bedürfnissen gemäß eingeteilt werden, Menschen dürfen nicht dem abstrakten Rhythmus der kapitalistischen Wirtschaft, dem Ticken der Uhr, dem Stampfen der Maschinen, den Ladenöffnungszeiten unterworfen werden. Solange dies jedoch geschieht, arbeitet die Zeit gegen uns. Mit Benjamin im Kopf gesagt: Die Katastrophe droht uns nicht, sie vollzieht sich permanent.

Ars

Meistens handelt es sich bei Kunst um Unterhaltung für situierte Bessergebildete (also mittelständische Deppen) oder Investitionsmöglickeit für Reiche, denen 12 Nullen nach einer beliebigen Zahl auf ihrem Kontoauszug als zu banal erscheinen. Kunst kann jedoch für ihre Konsumenten als über die Realität hinausgehend wirken, Potentiale erkennbar machen und als realisierbar zeigen. Das Kunstwerk alleine wird das natürlich nicht vollbringen, ein individueller Reflexionsprozeß ist unverzichtbar. Vernünftige Kunst ist so tröstend wie aufwiegelnd.

k.i.z.

Shlomo NaŒaman – Marxismus und Zionismus

Dieses Buch widmet sich der Auffassung von Judentum und »Judenfrage« von Marx und dem frühen Marxismus bis zum Leninismus und der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Die Ablehnung des Zionismus von seiten des Marxismus war total. Hingegen wurde der Sozialismus in die verschiedenen national-jüdischen Bewegungen aufgenommen und zu ihren spezifischen Zwecken verarbeitet. Die vorliegende Studie beschreibt diese Entwicklungen wie sie in Ost- und Mitteleuropa stattgefunden haben und später in Palästina in die politische Praxis beim Aufbau des Staates Israel umgesetzt wurden.

So der Kurztext. Als Quellenmaterial und Zitatsammlung betreffs der Judenfrage im Marxismus ist das Buch, bereits ’97 erschienen, schwer empfehlenswert, auch die Kapitel über die sozialistischen Zionisten darf man sich mal antun. Schade nur, daß das Lektorat während der Korrektur anscheinend betrunken war… Eins noch: Den antikommunistischen Mythos, bei Marx hätte es sich um einen geifernden Antisemiten gehalten, widerlegt NaŒaman ausführlich, ohne Marxens antisemitische Äußerungen zu verschweigen. So ist auch speziell der Abschnitt über „Zur Judenfrage“ einer der sehr nützlichen.