Hacks, Peter

Damit bloß nicht in den Weiten des Internet verloren geht, was die junge Welt heute Hacks zu Ehren veröffentlicht hat, erlaube ich mir, dies hier zu kommentieren. Viel Vergnügen, werte Genossen!


In Richtung des Richtigeren
Zum 80. Geburtstag von Peter Hacks

Peter Hacks wäre am 21. März 80 Jahre alt geworden; am 28. August jährt sich sein Todestag zum fünften Mal. junge Welt nimmt dies zum Anlaß für eine ausführliche Würdigung des Dichters und Marxisten und veröffentlicht zwischen beiden Gedenktagen in loser Folge Beiträge, die verschiedene Aspekte seines Lebens und künstlerischen Schaffens näher beleuchten.

Eröffnet werden die »Hacks-Festwochen« der jW mit bislang ungedruckten Briefen des Dichters: Zum einen Schreiben, die er 1978 an den SED-Politiker Kurt Hager (1912–1998) und 1988 an die Protokollabteilung des ZK der SED richtete; Gegenstand war beide Male einer seiner runden Geburtstage. Zum anderen einem Brief an den Schauspieler Eberhard Esche (1933–2006), einer Abhandlung über die Literaturgattung Epos im Allgemeinen und Heinrich Heines »Deutschland. Ein Wintermärchen« im Besonderen. Nach Auskunft des Hacks-Freundes André Müller sen. waren diese Ausführungen »gedacht als Plattentext, den Esche umschreiben darf« (zit.n. »Gespräche mit Hacks 1963–2003«, Berlin 2008) – der Schauspieler arbeitete seinerzeit an einer Rezitation des »Wintermärchens«, die 1981 in der DDR als Schallplatte herauskam. Heines Werk erschien 1844 in dem Band »Neue Gedichte«; diesem Buch ist das hier veröffentlichte Gedicht von Peter Hacks gewidmet. – Wir danken dem Eulenspiegel Verlag, Berlin, für die freundliche Genehmigung zum Abdruck der Hacks-Texte. (jW)

Herrn
Professor Dr. Kurt Hager
Haus des Zentralkomitees der SED
102 Berlin

Sehr verehrter Herr Hager, daß Sie sich meines Geburtstags erinnert haben, habe ich als eine Ehrung verzeichnet; daß Sie die Zeit fanden und die Mühe auf sich nahmen, sich eine Wendung der Worte auszudenken, die mir und nicht jedermann gehört, hat mir Ihren Glückwunsch zur Freude gemacht. Ich gestatte mir, Sie meines aufrichtigen Danks zu versichern.

Dem Zustand unseres Landes, so meine ich zu sehen, haftet, notwendiger oder auch ungeschickter Weise, eine gewisse Unentschiedenheit an. Diese Unentschiedenheit kann allerlei bedeuten: Reichtum an Möglichkeiten und Armut an Tatsachen, Gunst also und Gefahr. Es entspricht meinem Naturell, ordnende Ansätze in Richtung des Richtigeren zu versuchen. Das ist die Weise, in welcher ich trachte, nützlich zu sein, und ich erfahre mit Genugtuung, daß derlei Streben innerhalb seiner Grenzen gewürdigt und ihm, neben Bedeutsamerem, öffentliche Anerkennung nicht versagt wird.

Ich erwidere Ihre Grüße und Wünsche, es bedarf da keines äußeren Anlasses. Ganz ergebenst

Ihr
Peter Hacks
2.4.1978

* * *

ZK der SED
Protokollabteilung

Betrifft: meinen 60. Geburtstag am 21.3.1988

Sehr geehrte Herrschaften, ich werde am 21.März dieses Jahres sechzig. Ich rechne, lassen Sie mich das betonen, nicht damit, daß Sie diesem Tag besondere Aufmerksamkeit widmen.

Aber ich hatte auch anläßlich meines fünfzigsten Geburtstags nicht damit gerechnet, und daraus war eine Panne entstanden. Der Herr, den Sie zu mir zu senden die Höflichkeit hatten, hatte mich nicht angetroffen.

Der Vorgang hatte für mich sein Gutes; denn wäre Ihrem besagten Herrn gelungen, mich um sieben Uhr in der Morgendämmerung zu wecken, wäre ihm gelungen, mich für den gesamten Tag elend zu machen. Andererseits sind Sie sicher verstimmt gewesen, und ich benutze die Gelegenheit, um Ihnen zu versichern, daß dies nicht meine Absicht war.

Ich teile Ihnen daher mit, daß ich auch an meinem 60. Geburtstag nicht zuhause sein werde. Wie ich sagte, ich rechne nicht mit Ihrem Besuch. Aber ob Sie ihn nun geplant haben oder nicht: Ich erscheine lieber unbescheiden als ungezogen, und ich möchte auf jeden Fall vermeiden, Ihnen Ungelegenheiten zu bereiten.

Hochachtend,
Peter Hacks
7.2.1988

* * *
An Eberhard Esche
Mein Eberhard, es ist leider fast eine Abhandlung geworden; ich möchte nicht der sein, der etwas Lesbares draus machen soll. Wintermärchen ist das letzte unter den modernen Epen, folglich das schlechteste. (Es gibt natürlich noch jüngere, welche der Erwähnung nicht lohnen). Ein Epos ist ein langes, die Welt umfassendes Gedicht. Das alte und eigentliche, das homerische Epos, unterscheidet sich vom modernen in wesentlichen Punkten.

Das alte Epos

1. Es beschreibt die Welt, wie sie ist, und ohne zu vermuten, daß sie anders sein könnte. Es liefert keine Meinung des Verfassers über die Welt, es gibt keine Kommentare. Die Selbstverständlichkeit, mit der es die Welt und die Welt sich selbst nimmt, erlaubt dem alten Epos, mit Unbefangenheit die schrecklichsten Dinge über sie (und auch die in ihr herrschenden Klassen) zu berichten, ohne etwa in den Ton der Kritik zu verfallen oder in besonderer Furcht vor obrigkeitlichen Prügeln schweben zu müssen.

2. Es beruht grundsätzlich auf vorliegenden, im Volk umgehenden Liedern und Geschichten. Die Arbeit des Autors beschränkt sich gänzlich auf die kunstvolle Zusammenstellung der Vorlagen zu einem Großgebilde, es bedarf nicht seiner Erfindung und nicht seiner besonderen Dichtermeinung. Die Vorteile hiervon: der Text ist in seiner Realität unbestritten und der Inhalt von erprobter Wirkung und von vornherein populär.

3. Es hat eine Dramaturgie, die aus der Notwendigkeit, ein Publikum bei mündlichem Vortrag bei Laune zu halten, sich herleitet; trotz seines stoffreichen und episodenhaften Wesens ist es spannend gebaut. Es steht ihm ein Vers, der Hexameter, zur Verfügung, der im Schwang ist und zur Sprache paßt.

Im modernen Epos ist das alles anders

1. Es beschreibt eine Welt, deren Mißstände man als solche erkannt und gegen die man Gegenentwürfe parat hat: statt einer heilen eine mißbilligte Welt. Der naive Ton ist aus. Schiller hat die möglichen neuen Haltungen aufgelistet: die satirische, die idyllische, die elegische. Will sagen: Man kann eine so (eine bürgerlich) beschaffene Welt mit Spott angreifen, man kann entlegene Inseln in ihr auffinden, die noch in der menschlichen Ordnung, dafür aber nicht mehr repräsentativ sind, und man kann sie endlich beweinen. Die satirische Ausfertigung der epischen Gattung ist »Reineke Fuchs«, die idyllische »Hermann und Dorothea«. Wintermärchen, so offenkundig es einer Satire ähnelt, halte ich für den elegischen Fall; ich sage später, warum.
2. »Reineke Fuchs« ist das einzige der drei zur Rede stehenden Epen, das noch auf Volksbücher sich gründet. »Hermann und Dorothea« ist eine Novelle, was deshalb sich machen läßt, weil die Idylle als eine positive Ausnahme auf breite Schilderung des Weltzustandes ohnehin verzichtet. Wintermärchen nun ist überhaupt nichts mehr als ein Reisejournal. Statt von Stoffmassen erzählt es vom Wetter und den Seelenzuständen des Verfassers. Das einzig Weltumfassende an ihm ist seine Philosophie, welche freilich nicht von schlechten Eltern.

3. Von Dramaturgie keine Spur mehr. Wintermärchen unterhält durch Einfälle, Stimmungen, Gedanken, Schönheiten und vor allem natürlich durch Witz, aber als Ganzes ist es locker und eher schlecht gebaut. Hingegen hat das Stück enormes Glück mit dem Versmaß. Der Wintermärchen-Vers ist eine Kreuzung aus dem aristophanischen Anapäst (nachzulesen etwa in meiner »Vögel«-Parabase) und dem deutschen Volkslied. Es ist außer dem Wintermärchen-Vers nie ein moderner deutscher epischer Vers erfunden. Der Hexameter ist ins Deutsche adaptabel und von Goethe mit unglaublicher Natürlichkeit durchgeführt, aber er bleibt doch immer Literatur und rutscht nicht in die Ohren der Menge. Schiller wie Goethe haben Versuche gemacht, antike Metren mit deutschen Reimen zu versehen, die nur lächerlich geendet haben. Heines Zeitgenosse, der Graf Platen, hat so außerordentliche Verdienste um die Anwendung antiker Metren, daß ihn keiner liest. Der Wintermärchen-Vers ist umfangreich, willig, abwechslungsfähig genug, um für ein langes erzählendes Gedicht zu taugen. Er ist der einzige unter Heines lyrischen Tönen, den er nicht Goethe abgeborgt hat. Er ist so sehr Heines Eigentum, daß es unmöglich ist, ihn zu verwenden, ohne als ein Heine-Plagiator zu erscheinen.

Wintermärchen, eine Tragödie

Als Heine aus dem noch halbfeudalen Deutschland ins fast schon bürgerliche Frankreich kam, gefiel es ihm dort sehr: Frankreich hatte alle Unerträglichkeiten, die Deutschland hatte, nicht. Es hatte eine freie Presse, keine Adelsvorurteile, einen fleischlichen Begriff von der Liebe, und es erlaubte Personen jeglichen Standes, so viel Geld und Macht zu erwerben, wie sie nur immer vermochten. Zu der Zeit stellte Heine die Theorie auf, daß der (französische) Sensualismus den (deutschen) Spiritualismus nur mehr zu überwinden habe, damit der Himmel auf Erden, der Heiden-Himmel, losgehn könne.

Aber als Heine sich von der freudigen Bestürzung, die rückschrittlichen Mißstände vom Hals zu haben, ein wenig erholt hatte, begannen seine Augen, sich für die Mißstände des Fortschritts zu schärfen. Er entdeckte die Unerträglichkeiten Frankreichs: die freie Presse, das Fehlen des Adels und der Vorurteile, die fleischliche Liebe und das Recht, Geld in Macht zu verwandeln. Zur Wintermärchen-Zeit war er keineswegs mehr sicher, welche Unerträglichkeiten unerträglicher wären, die neuen oder die alten. (Später übernahm er Goethes Lösung: unter einer absolutistisch oder bonapartistisch in Ordnung gehaltenen Mischgesellschaft die gesellschaftliche Möglichkeit zur Herausbildung einer gesitteteren Volksherrschaft abzuwarten und sich in der Zwischenzeit um den demokratischen und revolutionären Quatsch nicht mehr zu scheren).

Heines Deutschlandsehnsucht ist keineswegs nur, wie das Wintermärchen vorzutäuschen beliebt, ein sentimentaler Anfall. Stendhal, der in Frankreich die Galanterie und in Italien die Leidenschaft kennengelernt hatte, erzählt, wie tief beeindruckt er war, als er in Deutschland der Liebe begegnete. Heine hatte auch nicht vergessen, was er bei Hegel gelernt hatte; die Unfähigkeit der Bourgeoisie zu jeglichem tieferen Gedanken setzte ihn in einigen Zweifel über die Aussichten Frankreichs als Zukunftsstaat. Er war von Friedrich Wilhelm verfolgt und hatte von Louis Philippe eine Rente. Aber – denn Dichter pflegen Weltzustände nicht nach ihrem privaten Wohlergehen zu beurteilen – nachdem er die Verbrechen des Kapitalismus besichtigt hatte, war er gegen die der preußischen Reaktion nachsichtiger geworden.
Das Tragische also am Wintermärchen lautet: Heine hatte das eine Volk, dem er angehörte, dick und das andere pappesatt. An beiden Völkern liebte er lediglich mehr die Hoffnungen: an Frankreich das Proletariat und an Deutschland die Humanität. Der Nachteil des Proletariats war, daß es es schon gab. Da Deutschland weniger Realität bot, bot es die reichere Hoffnung. Deutschland, ein Winter und zugleich ein Märchen, das ist wie: Heimat, meine Trauer.

Der Autor und der Schauspieler

Der Odysseus dieser Odyssee ist Monsieur Henri Heine selbst, mit der traurigen Wendung freilich, daß er am Ende weder Lust noch Erlaubnis hat, in Ithaka auszuruhen. Einerseits also ist die Sache privater, minder mythisch und bildhaft als die alte Geschichte, andererseits trostloser und ohne Ausweg. Das moderne Epos muß beleidigend werden, um wirklichkeitsnah zu bleiben, und überlustig, um nicht verzweifelt zu sein. Dem Inhalt nach eine Tragödie, wird es in der Form lustlos bis zur Reportage und zum Feuilleton.

Heines Größe besteht darin, daß er, bei solchen Voraussetzungen, ein großes Werk hat schaffen können. Die Flüchtigkeit der Dichtart ist Abbild eines auseinanderfallenden Weltzustandes, nicht aber, wie sie heute wäre, Ausdruck mangelnder Übersicht. Wer die Chancen der Geschichte und Gegenwart einer Gesellschaft gründlich und erfolglos durchgeprüft hat, gelangt zur modernen Variante der antiken Objektivität: der historischen Ironie. Er sagt wieder, wie die Alten: die Dinge stehen, wie sie stehen. Er fügt lediglich hinzu: sie lohnen alle nicht sehr. Der hohe Ton des Barden rechtfertigte sich aus der Unumstößlichkeit der von ihm vorgetragenen Tatsachen. Der Ton des Wintermärchen-Rezitators erreicht Höhe durch die gedankliche Überlegenheit über eine Welt, der er um Epochen voraus ist. Der Barde erzählt von einer Vergangenheit, die noch immer Gegenwart, der Wintermärchen-Rezitator von einer Gegenwart, die längst Vergangenheit ist.

Natürlich ist das Wintermärchen Epos genug, als daß der Schauspieler auf die Idee verfallen könnte, etwa den Heine zu spielen. Auch seine Haltung ist noch die des Berichtens. Auch er hat den Stolz, als einzelner eine Welt vermitteln zu dürfen, und die Demut, mit der man einen vorgegebenen und unverrückbaren, einen kanonischen Text nach bestem Können und Gewissen doch eben nur weitergibt. Aber die Grundhaltung des Abstandes nach oben, die freie Entscheidung hinsichtlich des Ernst- oder Spaßig- oder Gemütvoll- oder Leichtfertig-Nehmens der einzelnen Stellen, das Sagen-indem-man-nicht-Sagt und das Nichtsagen-indem-man-Sagt, – diese Haltung, die das Werk selbst einnimmt, setzt ihn in eine Freiheit, die er sich durch richtigstes eigenes Urteil und nicht gemeine eigene Kunstfertigkeit verdienen muß.

Salut,
Peter
22.9.1980
Peter Hacks, »Neue Gedichte«

Wie es bei den Poeten Brauch,
Hat sich für Heinrich Heine auch
Ein Mal in seinem Erdenleben
Ein Treffen mit seiner Muse ergeben.

Ein milder Vorfrühlingsabend wars.
Im gleißenden Gaslicht des Boulevards
Enthüllten Damen von äußerster Süße
Ihre rosigen Strümpfe und niedlichen Füße.

Die Muse, sie trippelt so her und hin
Am Café de Paris als Nachtschwärmerin
Auf silbernen Atlasstiefelettchen.
War noch nicht lange aus dem Bettchen.

Mein schönes Kind, sprach der kecke Flaneur,
Wie viel darf ich Ihnen als Douceur
Mit allem Respekt ins Strumpfband schieben?
Ich bin entschlossen, Sie zu lieben.

Mein schöner Herr, sprach die Muse sehr fein,
Von Geld zwischen uns muß die Rede nicht sein.
– Zu gütig, doch kann ich, das ist das Fatale,
Nicht lieben, wo ich nicht bezahle.

– So schüchtern? Dann seis. Wen für Gold ich beglück,
Der gibt für gewöhnlich ein Zwanzigfrankstück.
– Das ist kein Betrag für ein einziges Küßchen.
Aber hören Sie zu, ich bin blank just ein bißchen.

Doch die zwanzig leih ich mir noch heut Nacht.
Herr Musset hat das schnell ins Reine gebracht.
Auch an Herrn Sue und Herrn Liszt ja wäre
Zu denken oder Herrn Dumas Père.

Sind verläßliche Freunde. Oder käms
Zum Schlimmsten, bleibt mir der Baron James.
Find ich Sie dann an diesem Orte?
– Mein reizender Dichter, wir sind im Worte.

Er küßt ihr zum Abschied das Handgelenk
Überm Handschuh, es klimpert ihr Armgehenk.
Noch nie entschwebte ein apartres
Gesäß im Dämmer des Montmartres.

* * *

Wir wissen nicht zu bezeugen, ob sie
Sich wiedersahn am Café de Paris.
Doch neun Monde später in einem Bette
Des Viertels Notre-Dame de Lorette

Ist eine Person, ledig, ohne Erwerb,
Eine sichre Mademoiselle Euterpe,
Eines kräftigen Bands von vier Büchern genesen.
Das ist im Herbst 44 gewesen.

(Der Baron James ist Rothschild.)
aus: Peter Hacks, Werke, Band 1: Die Gedichte, Berlin 2003, S. 182 f.
Heinrich Heine, aus »Deutschland, ein Wintermärchen« (1844)
Caput I
Im traurigen Monat November war’s,
Die Tage wurden trüber,
Der Wind riß von den Bäumen das Laub,
Da reist ich nach Deutschland hinüber.

Und als ich an die Grenze kam,
Da fühlt ich ein stärkeres Klopfen
In meiner Brust, ich glaube sogar
Die Augen begunnen zu tropfen.

Und als ich die deutsche Sprache vernahm,
Da ward mir seltsam zumute;
Ich meinte nicht anders, als ob das Herz
Recht angenehm verblute.

Ein kleines Harfenmädchen sang.
Sie sang mit wahrem Gefühle
Und falscher Stimme, doch ward ich sehr
Gerühret von ihrem Spiele.

Sie sang von Liebe und Liebesgram,
Aufopfrung und Wiederfinden
Dort oben, in jener besseren Welt,
Wo alle Leiden schwinden.

Sie sang vom irdischen Jammertal,
Von Freuden, die bald zerronnen,
Vom jenseits, wo die Seele schwelgt
Verklärt in ew’gen Wonnen.

Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.

Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.

Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
Was fleißige Hände erwarben.

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.

Und wachsen uns Flügel nach dem Tod,
So wollen wir euch besuchen
Dort oben, und wir, wir essen mit euch
Die seligsten Torten und Kuchen.

Ein neues Lied, ein besseres Lied!
Es klingt wie Flöten und Geigen!
Das Miserere ist vorbei,
Die Sterbeglocken schweigen.

Die Jungfer Europa ist verlobt
Mit dem schönen Geniusse
Der Freiheit, sie liegen einander im Arm,
Sie schwelgen im ersten Kusse.

Und fehlt der Pfaffensegen dabei,
Die Ehe wird gültig nicht minder –
Es lebe Bräutigam und Braut,
Und ihre zukünftigen Kinder!

Ein Hochzeitkarmen ist mein Lied,
Das bessere, das neue!
In meiner Seele gehen auf
Die Sterne der höchsten Weihe –

Begeisterte Sterne, sie lodern wild,
Zerfließen in Flammenbächen –
Ich fühle mich wunderbar erstarkt,
Ich könnte Eichen zerbrechen!

Seit ich auf deutsche Erde trat,
Durchströmen mich Zaubersäfte –
Der Riese hat wieder die Mutter berührt,
Und es wuchsen ihm neu die Kräfte.

Quelle.