Archiv für März 2008

Aids als Opium

Es ist nun schon ein Weilchen her, als Dimitrij Grieb in der österreichischen Zeitung Zur Zeit den Veranstalter des Life Ball Gery Keszler als „Berufsschwuchtel“ beschimpfte und die „Homoletten-Opfer-Lüge“ erfand (- ein Schelm, wer da an Auschwitzlüge dachte). Der Grieb deckte damals tapfer auf, wie unverhältnismäßig das ganze Tamtam um Aids in Wahrheit ist. Schließlich seien ja „nicht einmal 0,5 Prozent der Weltbevölkerung“ mit HIV infiziert, zudem handele es sich in der Mehrzahl um Homos, Junkies und dumme Nutten, die ohne Kondom ihr Geld verdienen. Folgerichtig schlug der Grieb daher vor, sich nun den wirklich wichtigen Katastrophen unserer Zeit zuzuwenden, als da wären: Alkoholismus, „Entfremdung vom Leben in der Natur“ und selbstverständlich noch die „selbstbewußten Kopftuchträgerinnen“, die, Wolfgang Pohrt hatte früher darauf hingewiesen, mit ihrer „Brut“ den Ariern die Spielplätze wegnehmen. Feurig rief der Grieb also dazu auf, sich nicht mehr von den „Schwuletten“ und ihrem blöden Aids ablenken zu lassen.
Der Artikel hatte ein juristisches Nachspiel, Keszler klagte gegen die Bezeichnung als „Berufsschwuchtel“ und verlor. Ein Sieg für die Meinungsfreiheit, ein Sieg für Österreich!

hXXp://www.zurzeit.at/index.php?id=159

Gegen das Inzestverbot, gegen die Zivilisation

Nach einigen Jahren Auseinandersetzung mit sogenannten Antideutschen und ihren Positionen befielen mich ernsthafte Zweifel, ob ich nicht weit mehr als genug Energie und geistige Anstrengung an diese Reaktionäre bereits verschwendet hätte und auch noch Gefahr liefe, dies in Zukunft weiterhin zu tun. Doch immer dann, wenn man diese ärgerlichen Inhalte dieser Menschen für erledigt und voll und ganz kritisiert hält, setzen sie noch einen drauf:
Eben wies lysis auf eine weitere Ungeheuerlichkeit in der jungle world hin, verbrochen von einem Marcus Garbrecht. Leider überwog vorerst lysis‘ mehr als verständliche Wut über diesen Artikel, so daß ich nun mich an einer Kritik versuchen werde, besonders, da ich über das Inzestverbot bereits geschrieben habe. Nun denn, zur schmutzigen Sache, dem Artikel, und zwar Absatz für Absatz:

Wenn die Richter des Bundesverfassungsgerichts die Strafbarkeit des Beischlafs zwischen Verwandten mit dem Schutz der Familie begründen und dabei mit »eugenischen Gesichtspunkten« argumentieren, mögen die Grundlagen für ihre Entscheidungsfindung zwar falsch sein, dennoch ist das Verbot inzestuöser Handlungen richtig.

Das ist nun nichts als der altbekannte antideutsche Unsinn, der Mittel und Zweck derart konsequent trennt, daß am Ende der Zusammenhang gar nicht mehr exisitiert.

Statt sich auf die Ebene des Boulevards einzulassen, dass es sich um die Bestrafung einer unschuldigen Liebe handelt, sollte man sich Gedanken machen, warum das Festhalten am Inzestverbot die Grundlagen der Zivilisation und damit die notwendigen Bedingungen gesellschaftlichen Fortschritts sichert. Nur durch eine Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Hintergründen der Gesetze, die das tägliche Zusammenleben innerhalb einer Gesellschaft regeln, kann man sich über deren Notwendigkeit oder Nutzlosigkeit streiten.

Was ist ein Boulevard? Ich kenne ihn nicht. Die (materiellen) Grundlagen der Zivilisation dagegen sind mir wohlbekannt: Staatlicher Gewaltapparat und privates, das heißt ausschließendes Eigentum des gesellschaftlichen Reichtums. Wenn dies also Bedingung für etwas Dubioses und bereits von den Idolen der Antideutschen Kritisiertes wie den Fortschritt ist, dann spricht das weder für Inzestverbot, Fortschritt und Zivilisation, sondern dagegen. „Notwendigkeit oder Nutzlosigkeit“ von Gesetzen ist dann auch nichts, über das es nachzudenken sich lohnt. Gesetze gehören abgeschafft, egal wie effektiv sie sind.

Die Basis des gesetzlichen Inzestverbotes bildet das in fast allen Gesellschaften vorhandene Inzesttabu. Sigmund Freud erklärte bereits 1913 in seiner Schrift »Totem und Tabu«, dass dies weniger an ein spezielles religiöses Konzept gekoppelt ist, sondern das Ergebnis sozialer Dynamiken ist. Ein Aspekt, der in der aktuellen Diskussionen vergessen wird, die sich hauptsächlich mit den tragischen Umständen des sich liebenden Geschwisterpaars Patrick S. und Susan K. befasst und dafür plädiert, in diesem Fall ausnahmsweise mal Liebe vor Recht gelten zu lassen.

Als gäbe es irgendetwas, das nichts mit „sozialen Dynamiken“ zu tun hätte! Der Bezug zu Freud zeigt dann gleich noch einmal deutlich, was für eine intellektuelle Flachpfeife der Garbrecht ist. Man lese bei Interesse bei Krölls und/oder Foucault nach.

Häufig wird mit der freien Partnerwahl argumentiert. Doch das Inzestverbot steht nicht etwa im Widerspruch zur freien Persönlichkeitsbildung und Entwicklung, sondern dient vielmehr dazu, sich aus dem Kreis einer der letzten übrig gebliebenen Stammesverbände, der Familie, zu lösen. Erst die Begrenzung der Wahl, mit wem man ins Bett geht, ermöglicht eine Sexualität, die sich von traditionellen Vorstellungen löst und damit zum wichtigen Bestandteil der persönlichen Freiheit wird, die nur jenseits der Scholle entwickelt und überwunden werden kann. Dank der Globalisierung ist auch für eine große Vielfalt an attraktiven alternativen Sexualpartnern außerhalb der Familie gesorgt.

Was eine bodenlose Frechheit! Der Depp meint tatsächlich, daß es kein Willensbruch mehr ist, wenn man’s anders nennt. Bürgerliche Familie hält er für einen Stammesverband. Begrenzung empfindet er als Freiheit. Und die soll erst „jenseits der Scholle entwickelt“, danach aber „überwunden“ werden. Und schließlich ist Globalisierung toll, weil sie ja viele Fickpartner liefert – Garbrecht dürfte egal sein, ob die sexuell oder sonstwie mit ihm verkehren wollen, schließlich stellen Leute seines Schlages sich Vergewaltigung auch nur als schlechten Sex vor (es sei denn, der Vergewaltiger glaubt an Allah). Ist das eigentlich Denken in Widersprüchen?

Eine Auflösung des Inzestverbots wäre also weniger die Abkehr von christlichen Moralvorstellungen, sondern die Entfernung einer der Grundfesten urbaner Kultur.

Geschissen auf die urbane Kultur. Denn gegen sie und jede bisherige spricht alles, wie alles für den Kommunismus spricht.

Dass das Verbot nicht nur an ein überkommenes moralisches Konzept gekoppelt ist, kann ein Blick auf die Geschichte verdeutlichen. Auch in vorstaatlichen Gesellschaften wurden Inzestbeziehungen zu Verwandten ersten Grades geahndet. So beispielsweise bei den Hethitern, eine im zweiten Jahrtausend vor Christus lebende Kultur und frühe städtische Zivilisation in Anatolien. Die hethitischen Gesetzestexte stellen eine der ersten schriftlichen Manifestationen des Inzestverbots dar und zeigen damit die gesellschaftliche Relevanz des Inzesttabus.

Und in der Bibel findet sich ein Verbot des gleichgeschlechtlichen Analverkehrs, was die „gesellschaftliche Relevanz des Schwulenklatschens“ zeigen dürfte, wenn man totalverblödet Geschichte für eine hinreichende Begründung für was auch immer hält.

Zwar hält sich die Anzahl der Inzestbeziehungen in modernen, westlichen Gesellschaften in einem überschaubaren Rahmen, aber es gibt dieses Phänomen. Die Argumente, die in der aktuellen Debatte gegen das staatliche Inzestverbot vorgebracht werden, zeigen, dass trotz der Jahrtausende alten Erkenntnis über die gesundheitlichen Folgen für ein Kind, das von Blutsverwandten gezeugt wurde, Vernunft als einzige Regulierung von Gesellschaft noch nicht ausreicht.

Frauen über 40, Behinderte und andere erbgutschädigende Zivilisationsfeinde sollten sich vor Regulierern wie Garbrecht in Acht nehmen. Wer weiß schon, ob solch ein Denker nicht auch mal zum Henker wird, wenn ihm seine „Vernunft“ nicht mehr wirkmächtig genug erscheint.

Denn Vernunft ist mit einer Einschränkung verbunden, die manche Menschen nicht leisten können oder wollen. Zu den unbedingten Voraussetzungen für Zivilisation zählt aber die Unterdrückung der Triebe, zu denen nicht nur der Todestrieb (und damit Mord) gehört, sondern auch der Lusttrieb (und damit Sexualität). Erst aus der Erkenntnis, dass die Unterdrückung der Triebe eine Kulturleistung ist, erwächst die Auseinandersetzung mit dem Spannungsverhältnis, in dem die Individuen zur Gesellschaft stehen.

Mal wieder die alte Verwechslung von Trieb und Bedürfnis. Triebe gibt es bei Viechern, Bedürfnisse haben vernunftbegabte Wesen, also Menschen. Und tatsächlich war es immer schon eine „Kulturleistung“, Bedürfnisse zu unterdrücken: Weil man musste, weil man dazu gezwungen war. Leider ist auch dies weder ein guter Grund für ein Inzestverbot, noch für all jene Gesellschaften, die nicht so eingerichtet sind, daß ihr Zweck die bestmögliche Bedürfnisbefriedigung aller Menschen ist.

Doch statt genau dieses Spannungsverhältnis zu thematisieren, erfährt die Hippie-Ideologie, niemand dürfe vorschreiben, mit wem man ins Bett gehen solle, ein Revival und wird zum vermeintlich aufklärerischen Postulat freier Liebe verklärt. In einer Gesellschaft, die sich über ihre eigenen Grundlagen bewusst ist, bräuchte es vielleicht kein autoritäres Verbot mehr, um antizivilisatorisches Verhalten zu verhindern. Doch in einer Gesellschaft, in der Kindstötungen, Vergewaltigungen und familiäre Gewalt immer noch alltäglich sind, ist es von Vorteil, dass Mord und Inzest justiziabel bleiben.

Garbrechts große Erkenntnis: Wenn sowieso keiner das tut, was verboten ist, muß man es nicht verbieten. Zudem hat alles, was ihm nicht paßt, miteinander zu tun: Mörder, Hippies, Vergewaltiger, Kindstöter und inzestuös Verkehrende. Warum? Ohne Grund. Es muß so sein, damit Garbrecht noch einen knackigen letzten Satz hinkriegt, der ihm in einer besseren Welt mindestens die ein oder andere Gesichtspolitur einbrächte.
Oder um es in seinem Jargon zu sagen:
Erst das Garbrechtverbot garantiert gesellschaftlichen Fortschritt, also einen großen Schritt fort von einer Gesellschaft, die gar nicht anders kann und deren Freunde gar nicht anders wollen als zu schädigen, zu unterdrücken und zu demütigen.

Alle Zitate von hier.

Über das Verfahren gegen Patrick S. habe ich bereits hier und hier geschrieben. Ergänzendes hatte ganymed angemerkt.

Nachtrag: Dem Text von Garbrecht wurde in der jw auch eine gegenteilige Meinung von Ron Steinke gegenübergestellt. Da gibt es zwar nicht genauso viel, aber dennoch Wichtiges richtigzustellen:

Die Aufhebung der Strafbarkeit des einverständlichen Inzests im Jahr 1810 in Frankreich markierte nicht etwa den Rückfall der Franzosen in eine dunkle Vorzeit, sondern im Gegenteil einen Schritt hin zur Aufklärung: Wo niemandem Unrecht angetan worden ist, da gibt es für eine Gesellschaft auch nichts zu bestrafen. Das ist das Grundprinzip eines säkularen Strafrechts.

Das mag schon sein. Wie kommt es jedoch dazu, daß irgendwie linke Schreiberlinge wie Garbrecht und Steinke Strafe, und damit einen strafenden Staat, beide für etwas Richtiges halten und sich nur nicht einig sind, was wie warum bestraft gehört? Ganz offensichtlich haben sie gar keine gescheite Kritik an Staat und Nation, damit übrigens auch nicht am Wesen des Kapitalismus!

»Kulturhistorisch begründete, nach wie vor wirkkräftige gesellschaftliche Überzeugungen« führte das Bundesverfassungsgericht stattdessen an – wohlgemerkt als Rechtfertigung für eine Gefängnisstrafe. Wenn schon gesellschaftliche Überzeugungen eine Strafe rechtfertigen, dann wäre es auch legitim, Homosexualität wieder unter Strafe zu stellen, sobald eine Mehrheit sie, wie in den sechziger Jahren in der Bundesrepublik, für unsittlich hielte. Derart begründete das Bundesverfassungsgericht damals tatsächlich seine Haltung. In Frankreich wurde die Homosex­u­alität dagegen bereits infolge der französischen Revolution straflos.

So gelingt Steinke das Lob für Zivilisation und Aufklärung: Deutschland wird einfach aus beidem ausgeschlossen, als hätte es damit gar nichts zu tun. Schon traurig, wenn man nichts kritisieren kann, ohne permanent die eigene Lieblingsstaatsmacht zu loben.

Man kann es gerne für eine doofe Idee halten, sich ausgerechnet in den Bruder oder die Schwester zu verlieben, wo die weltweite Auswahl an potenziellen Sexualpartnern doch reichlich groß ist.

Man kann auch sagen: „Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?“.

Ihr Sex [einvernehmlicher Sex zwischen Erwachsenen; F. Crull] geht niemanden etwas an.

Auch wenn’s der Steinke für eine „doofe Idee“ halten dürfen will, auch wenn es ihm egal ist, daß die Beschränkung auf Erwachsene vielleicht den ein oder anderen Willen brechen mag – wobei: Steinke meint womöglich, nur Erwachsene hätten Wille und Bewußtsein.

Was beim Inzest letztlich das Unheil ist, vor dem das Bundesverfassungsgericht meint, die Bevölkerung weiterhin mithilfe eines Inzestverbots bewahren zu müssen, erklärte das Gericht überraschend unumwunden. Ausschlaggebend seien »eugenische Gesichtspunkte«, auch wenn diese – was sonst? – »historisch missbraucht« worden seien. Ein Verstoß gegen das Inzestverbot sei nämlich geeignet, so erläuterte die richterliche Mehrheit im Zweiten Senat, der sich zu gleichen Teilen aus Kandidaten der SPD und der CDU zusammensetzt, »über das Zeugen von Nachkommen weitere schädliche Folgen hervorzurufen«, mit anderen Worten: Kinder mit »Erbschäden«. Was für ein Argument! Darf man es dann auch Menschen mit Behinderung verbieten, sich fortzupflanzen? Oder Frauen über 40? Auch bei ihnen besteht ein erhöhtes »Risiko«, Kinder mit Behinderungen zur Welt zu bringen.

Ich schwöre, das letzte Argument dem Steinke nicht geklaut zu haben. Allerdings ergänze ich es hier: Wer es ernst meint mit dem Erbgutschutz, der sollte Armen, Irren, Perversen und Ausländern natürlich auch die Fortpflanzung verbieten. Da waren Garbrecht und die 7 Richter wirklich zu inkonsequent. Wirklich konsequent war dafür der Steinke, der sein Ideal des bürgerlichen Staates verteidigt hat und von Staatskritik nichts wissen will. Denn ein Souverän, der so herrliche Sachen vertritt wie Säkularismus, Meinungsfreiheit und andere Errungenschaften der modernen Zivilisation, könnte sich des Lobes eines aufgeklärten Untertanen wie dem Steinke sicher sein.

Hammada

Für Charlotte Roche

Holger war vom Pfandflaschensammeln zurückgekehrt, mitsamt Toastbrot und Orangensaft aus Fruchtfleischkonzentrat. Bevor er sich auf seinen Stuhl gesetzt hatte, um zu Mittag zu essen, hatte er die Musik eingeschaltet. „Je t’aime… moi non plus“, hauchte Jane Birkin nun aus den Boxen des Kassettenabspielgeräts, natürlich Birkin und nicht Bardot. Holger hatte sich von der Bardot immer angeekelt gefühlt, von Birkin jedoch immer erregt, so auch jetzt. Seine Erektion wurde begleitet von der Überlegung, ob zu ihm jemals eine Frau „Je t‘aime“ gesagt hatte. Holger fiel keine Frau ein, die so etwas je gesagt hätte und dabei ihn gemeint. Er kannte überhaupt keine französisch sprechende Frau. Sein Penis erschlaffte. Birkin vermochte nichts dagegen auszurichten. Wie sie jetzt wohl aussieht, fragte sich Holger. Wohl weißhaarig und runzlig. Oder gefärbt und geliftet. Das Toastbrot schmeckte plötzlich verdorben.

Deutsche Zustände Nr. 3

Aus Frust sollen zwei Arbeitslose im September vergangenen Jahres ein Attentat mit selbst gebasteltem Sprengstoff geplant haben.

Eintopf

~ Gestern bei TV Total sagte der Raab einen der tollsten Sätze, die ich je dank Fernsehen genießen durfte: „Jedem das Seine – das ist Demokratie!“

~ 28 Thesen zur Klassengesellschaft von den Freundinnen und Freunden der klassenlosen Gesellschaft

~ Daniel Haas schreibt über eine Ausstellung, die sich mit Stereotypen beschäftigt, von denen er sich „raffiniert“ manipuliert fühlt, da er sich eine bewußte „Selbst- und Fremdwahrnehmung“ nicht vorstellen kann. Für Freunde des gepflegten Unsinns hat er dazu noch schöne Worte wie „Dialektik“ und begeisternde Ausdrücke à la „diffamatorischer Trash mit kritischer Kreativität“ eingefügt.

~ Ein guter Eintopf schmeckt am nächsten Tag gleich noch besser!