Archiv für Oktober 2007

SM

Foucault über SM

vergleiche:

Denkerei zum gleichen Thema im neuen comfor

Der gute Wagner

Rolf Clemens Wagner, in vorrevolutionäreren Zeiten mal als Terrorist bei der RAF tätig, ist niemand, über den es sich, wie vor paar Tagen geschehen, zu empören gelte. Denn wenn Wagner sagt, die Entführung Schleyers sei „auch aus heutiger Sicht richtig“, da Schleyer SS-Wehrwirtschaftsführer und zu RAF-Zeiten auch alles andere als ein Wohltäter gewesen war, dann argumentiert Wagner durchaus überzeugend, jedenfalls überzeugender als FDP-Trottel Rainer Brüderle, der von einem „Faustschlag ins Gesicht der Opferfamilien“ dahersabbelt, so als habe Schleyer mehrere Familien mit trotzdem nur einem Gesicht gehabt. Nicht richtig war es also, Wagner wegen der Beteiligung an dieser Entführungsgeschichte 24 Jahre wegzusperren.

[alle Zitate aus der taz vom (wahrscheinlich) 18.10.07]

Lenins Antisemitismuskritik oder: Das geprüfte Argument

Die Existenz einer sowjetkommunistischen Antisemitismuskritik dürfte neudeutsche Totalitarismustheoretiker (Hallo, ihr putzigen Freunde der obergemeinen Gesellschaft) schwer verstören, also gilt für diese ab spätestens hier: Bloß nicht weiterlesen!
Doch jetzt zur Sache: Genosse Lenin sprach sich 1919 gegen Antisemitismus aus und begriff diesen als miesen Trick der Herrschenden, um herrschend zu bleiben. Die „verfluchte Zarenmonarchie“ verarschte beispielsweise „unwissende Arbeiter und Bauern“, um an der Macht zu bleiben ließ sie ihren Polizeiapparat sogar „im Bunde mit den Gutsbesitzern und Kapitalisten Judenpogrome“ organisieren. Der Antisemitismus ist für Lenin also nichts als ein riesiges Täuschungsmanöver, dem das Proletariat nur deswegen auf den Leim geht, weil es ungebildet ist. Die real existierenden Antisemiten mit humanistischer Gymnasialbildung widerlegen Lenin allein schon positivistisch, doch auch rein logisch haut Lenins Erklärung einfach nicht hin. Denn die Arbeiter und Bauern mussten bewußt die antisemitische Ideologie teilen, denn an ihrem Bewußtsein vorbei rein in ihren Kopf ging die auch damals schon nicht. Auch die Herrschenden, denen der Antisemitismus mit Sicherheit oft genutzt hat, kritisiert Lenin nicht richtig. Wenn sie nämlich absichtlich die Proletarier manipulieren, auf die falsche Fährte locken, dann ist ihnen anscheinend der fehlende Wahrheitsgehalt des Antisemitismus bewußt, sie sind also selbst nicht antisemitisch, sondern brutal und rücksichtslos. Das konnte Lenin erstens nicht wissen und zweitens ist es durchaus fragwürdig, eine Resistenz gegenüber dem Antisemitismus auf Seiten der Herrschaft vorauszusetzen.
Wo kommt der Antisemitismus aber wirklich her und wieso nutzt er der Herrschaft?
Um’s mal ganz banal, kurz und knackig zu sagen: Der Nationalist hat den Juden als Verantwortlichen für jedes beliebige Übel ausgesucht und ist davon überzeugt, den Schuldigen gefunden zu haben. Und der Nutzen für die Herrschaft besteht tatsächlich darin, daß nicht Staat und Kapital abgeschafft werden, um dem Elend ein Ende zu setzen; vielmehr entlädt sich der „Haß der von Not gepeinigten Arbeiter und Bauern“ am selbstgebildeten Feindbild.
Recht behält Lenin am Ende allerdings dennoch, wenn er als einziges Mittel gegen den Judenhaß das „Kampfbündnis der Arbeiter aller Nationen im Kampf für den Sturz des Kapitals“ hochleben läßt, auch wenn gegen eine Teilhabe antikapitalistischer Fabrikbesitzer wie Engels wohl wenig einzuwenden wäre.

inspiration 1

inspiration 2

Kleiner Nachtrag: Je nach historischer Situation kann der Antisemitismus den nationalen Interessen natürlich auch widersprechen, falls das einem Schlaumeier als Einwurf einfallen sollte.

Ayaan Hirsi Ali – Ich klage an. Plädoyer für die Befreiung der muslimischen Frauen.

Ab und an liest man ja gerne mal ein Buch, von dem man schon im Voraus weiß, wie schrecklich man es finden wird, um im Nachhinein dann über die Argumente zu verfügen, die beim vorherigen Ablehnen des Buchs noch gefehlt haben. So also in diesem Fall. Wie man’s geahnt hat, so ist es dann auch: AHA stellt den total voll guten, aufgeklärten westlichen Liberalismus gegen den barbarischen, irrationalen und halt voll bösen Islam, erzählt zwischendurch von ihrer ersten Beziehung, der Barfüßigkeit ihrer Mutter und ihrem Parteiwechsel und liest sich aus gleichermaßen stilistischen wie eigentlich doch mehr inhaltlichen Gründen furchtbar. Wer durchhält, wird belohnt mit der kaum atemberaubenden Erkenntnis, daß auch und gerade eine aufrechte Verteidigerin der imperialistischen ratio klingt, als wäre sie (oder ihr Lektorat oder der Übersetzerverbrecher, man weiß es nicht) recht sehr dumm und, hier vielen Dank dem Weltgeist für diese Ironie, nicht in der Lage, vernünftig zu argumentieren. Denn warum der Islam nun so „rückständig“ ist und ob das überhaupt stimmt, erfährt man selbstverständlich nicht, es handelt sich schließlich um lupenreine Propaganda, die nicht bloß zufällig klingt wie der altbekannte Mist westlicher Kulturkrieger von Broder über Wertmüller bis hin zum Parlamentsgesocks.

ika

Texte von Dath

Gerade eben ist bei suhrkamp das schöne Buch Heute keine Konferenz erschienen, das hauptsächlich Texte präsentiert, die der sympathische Pop-Leninist Dietmar Dath für die F.A.Z. geschrieben hat. Der nicht ganz so sympathische Hektor Rottweiler empfiehlt dieses Buch jedem, der Kluges, Wahres oder auch bloß Schönes über die kritische Künstlerin Paris Hilton, den Revolutionsstau und noch ganz viel ganz anderes lesen mag. Und als besonderes Schmankerl gibt’s jetzt hier eine Linksammlung zu einigen Dathcore-Texten.

Über Sido und Analverkehr
Wie wir „Spex“ zerstört haben
Alles wird besser, weil es der ollen Umwelt besser geht
Über Kaputtmachbarkeit – Brennende Fragen Eurer Bewegung
Anderer Zielbahnhof [der 2. Text ist’s]
Die Choreografie des Eiertanzes
Spätnachts im Spartenprogramm
Blutspur zum ­Sandkastenspiel
Und bei der Faz kann man ja auch selber alles anklicken und so.
Interview 1
Interview 2

heute keine konferenz