Lenins Antisemitismuskritik oder: Das geprüfte Argument

Die Existenz einer sowjetkommunistischen Antisemitismuskritik dürfte neudeutsche Totalitarismustheoretiker (Hallo, ihr putzigen Freunde der obergemeinen Gesellschaft) schwer verstören, also gilt für diese ab spätestens hier: Bloß nicht weiterlesen!
Doch jetzt zur Sache: Genosse Lenin sprach sich 1919 gegen Antisemitismus aus und begriff diesen als miesen Trick der Herrschenden, um herrschend zu bleiben. Die „verfluchte Zarenmonarchie“ verarschte beispielsweise „unwissende Arbeiter und Bauern“, um an der Macht zu bleiben ließ sie ihren Polizeiapparat sogar „im Bunde mit den Gutsbesitzern und Kapitalisten Judenpogrome“ organisieren. Der Antisemitismus ist für Lenin also nichts als ein riesiges Täuschungsmanöver, dem das Proletariat nur deswegen auf den Leim geht, weil es ungebildet ist. Die real existierenden Antisemiten mit humanistischer Gymnasialbildung widerlegen Lenin allein schon positivistisch, doch auch rein logisch haut Lenins Erklärung einfach nicht hin. Denn die Arbeiter und Bauern mussten bewußt die antisemitische Ideologie teilen, denn an ihrem Bewußtsein vorbei rein in ihren Kopf ging die auch damals schon nicht. Auch die Herrschenden, denen der Antisemitismus mit Sicherheit oft genutzt hat, kritisiert Lenin nicht richtig. Wenn sie nämlich absichtlich die Proletarier manipulieren, auf die falsche Fährte locken, dann ist ihnen anscheinend der fehlende Wahrheitsgehalt des Antisemitismus bewußt, sie sind also selbst nicht antisemitisch, sondern brutal und rücksichtslos. Das konnte Lenin erstens nicht wissen und zweitens ist es durchaus fragwürdig, eine Resistenz gegenüber dem Antisemitismus auf Seiten der Herrschaft vorauszusetzen.
Wo kommt der Antisemitismus aber wirklich her und wieso nutzt er der Herrschaft?
Um’s mal ganz banal, kurz und knackig zu sagen: Der Nationalist hat den Juden als Verantwortlichen für jedes beliebige Übel ausgesucht und ist davon überzeugt, den Schuldigen gefunden zu haben. Und der Nutzen für die Herrschaft besteht tatsächlich darin, daß nicht Staat und Kapital abgeschafft werden, um dem Elend ein Ende zu setzen; vielmehr entlädt sich der „Haß der von Not gepeinigten Arbeiter und Bauern“ am selbstgebildeten Feindbild.
Recht behält Lenin am Ende allerdings dennoch, wenn er als einziges Mittel gegen den Judenhaß das „Kampfbündnis der Arbeiter aller Nationen im Kampf für den Sturz des Kapitals“ hochleben läßt, auch wenn gegen eine Teilhabe antikapitalistischer Fabrikbesitzer wie Engels wohl wenig einzuwenden wäre.

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Kleiner Nachtrag: Je nach historischer Situation kann der Antisemitismus den nationalen Interessen natürlich auch widersprechen, falls das einem Schlaumeier als Einwurf einfallen sollte.


10 Antworten auf “Lenins Antisemitismuskritik oder: Das geprüfte Argument”


  1. 1 blim-blam 23. Oktober 2007 um 17:54 Uhr

    „Wo kommt der Antisemitismus aber wirklich her“
    Darauf gibst Du leider auch keine Antwort. Warum sucht „der Nationalist“ einen Schuldigen? Warum nimmt er „die Juden“? Warum nicht irgendwas naheliegendes wie „die Kommunisten“, „die Pazifisten“, „die Armen“? Warum der Bezug auf Religion und Rasse? Warum so phantasievolle Konstrukte („jüdische Weltverschwörung“)? Ein Blick auf die Realität würde doch zeigen, dass „die Juden“ keineswegs schlechtere Nationalisten sind, als ihre evangelischen, katholischen usw. Mitbürger. Warum wird „der Jude“ aus der „Volksgemeinschaft“ herausdefiniert?

  2. 2 crull 23. Oktober 2007 um 18:00 Uhr

    Wieso wäre es bitte irgendwie einleuchtender, die Leute, die am Elend leiden (Arme) bzw. es abschaffen wollen (Kommunisten, mit Abstrichen Pazifisten), für das Elend verantwortlich zu machen?
    Und wieso zur Hölle sollte ich mir überlegen, dem Antisemitismus in scheinbar kritischer Absicht doch noch einen Funken Wahrheit zuzugestehen, anstatt einfach den Fehler, den noch jeder Antisemit macht, aufzuzeigen? Daß die Opfer des Antisemitismus mitunter selbst nationalistisch gesinnt waren/sind, ist übrigens nichts, was meiner Erklärung widerspricht. Schwarze sind doch auch nicht faul, bloß weil Rassisten das meinen. Oder anders: Wäre es irgendwie sinnvoll, Vorstellungen von Rassisten und Antisemiten an der Realität zu blamieren, dann gäbe es beide nicht.

  3. 3 blim-blam 24. Oktober 2007 um 16:33 Uhr

    Du hast behauptet, eine Erklärung liefern zu wollen, wo der Antisemitismus her kommt. Das hast Du aber bis jetzt leider schlicht nicht getan. Du erschöpfst Dich in einer extrem reduzierten BESCHREIBUNG dessen, was Antisemitismus Deiner Meinung nach angeblich ist – nämlich der Vorwurf eines Nationalisten an „die Juden“, der Nation zu schaden. Mal abgesehen davon, dass diese Beschreibung viel zu kurz greift, und Du natürlich keinerlei Nachweise lieferst – wenn Du erklären möchtest, wo Antisemitismus herkommt, dann fang doch mal damit an, den oben genannten Fragestellungen nachzugehen.

  4. 4 crull 24. Oktober 2007 um 16:47 Uhr

    Man kann wohl voraussetzen, daß ganz grob bekannt ist, was Antisemiten gewöhnlich den Juden vorwerfen. Den Vorwürfen ist im Allgemeinen eben das gemein, was ich als Gleiches von mir aus nur skizziert habe, bzw. läßt sich darauf zurückführen. Was du jetzt verlangst, ist gar keine Kritik des Antisemitismus, du suchst eine Erklärung, warum gerade die Juden das Opfer des Antisemitismus sind und nicht Leute, die man deiner Meinung nach viel begründeter hassen, bedrohen, töten könnte. Fällt dir was auf? Weiter fragst du wieso „“der Jude” aus der “Volksgemeinschaft” herausdefiniert“ wurde. Weil man ihn als Bedrohung für diese eingesetzt hat. Da wirst du wieder fragen, wieso das so war. Reicht dir denn nicht, daß schon die Bildung einer Volksgmeinschaft verkehrt ist, und weißt du denn nicht, daß die Konstruktion eines Volkes mit-bedeutet, daß die nicht Zugehörigen ohne Ansicht ihrer persönlichen Eigenschaften oder ihres Willens dann halt einfach nicht mitmachen dürfen? Du hast offensichtlich mehr Interesse an einer historischen Nachzeichnung der Entstehung und Verbreitung bestimmter Denkmodelle als daß dich eine Kritik interessiert!

  5. 5 Das geprüfte Argument 24. Oktober 2007 um 17:12 Uhr

    Hey, was hat das mit mir zu tun??? ;-)

  6. 6 blim-blam 24. Oktober 2007 um 18:16 Uhr

    Ah, Themenwechsel, weil Du erkannt hast, dass Du mit Deinen lahmen „Argumenten“ gegen die Wand gefahren bist? Du bist derjenige, der behauptet hat, zu wissen, wo der Antisemitismus herkommt. Tatsächlich konntest Du dazu nichts sagen. Deshalb der Themenwechsel – jetzt quatscht Du plötzlich davon, dass man doch per Vorurteil wissen müßte, was „verkehrt“ ist und das nicht erklären, sondern moralisch verurteilen soll. Echt lächerlich.

  7. 7 wurscht 24. Oktober 2007 um 20:01 Uhr

    Mit Ihnen hat das zu tun, dass Sie Antisemitismus genauso wenig erklären können wie der Genosse hier. Ganz banal, is ja an sich kein Drama.

  8. 8 crull 25. Oktober 2007 um 15:09 Uhr

    Werter blim-blam, den Themenwechsel vollzog nicht ich. Der findet sich in deinem ersten comment. Moralisch verurteilen muß man nichts, steht auch nirgendwo. Wieso auch, man kann die ganze Geschichte ja auch kritisieren, anstatt ideengeschichtlich interessiert dem auszuweichen.

    Lieber wurscht, schön, daß Sie mal vorbeigeschaut haben, Ihre ironie-, aber nicht argumentgetränkten 2Zeiler waren ja schon im KF stets die reinste Freude.

  9. 9 blim-blam 25. Oktober 2007 um 17:59 Uhr

    „Der Nationalist hat den Juden als Verantwortlichen für jedes beliebige Übel ausgesucht und ist davon überzeugt, den Schuldigen gefunden zu haben.“ ist keine Kritik am, keine Definition von Antisemitismus und auch keine Erklärung wo er herkommt. Was willst Du also mit Deinem Geschreibsel eigentlich?

  10. 10 crull 25. Oktober 2007 um 18:07 Uhr

    Lies die Überschrift, du selten dämlicher Volldepp.

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